190 Bowery – Leben in einer alten Bank mit 72 Zimmern, mitten in Manhattan

An der Ecke Bowery und Spring Street im Manhattaner In-Viertel Nolita befindet sich das Haus mit der Adresse 190 Bowery- ein mit Grafitti bedecktes Gebäude. Bis vor einigen Monaten war es auch noch mit alten, teilweise abfallenden Plakaten beklebt und der Eingang erfolgte durch eine massive Holztür, die von einem Eisenzaun gesichert wurde. Hinter dem Gebäude, auf das sich Passanten oft keinen Reim machen können, verbirgt sich einer der interessantesten Geschichten der New Yorker Immobilienhistorie.

1966 kaufte der Fotograf Jay Maisel mit seiner Frau Linda das damals 68 Jahre alte ehemalige Bankgebäude mit 72 Räumen auf 6 Stockwerken für 102.000 Dollar (heute entspräche das circa einer Dreiviertelmillion). 190 Bowery stand zu dieser Zeit schon lange leer. Die Gegend ringsum galt als eine der kaputtesten von ganz Manhattan. Den hübschen Namen Nolita, ein Akronym für „North of Little Italy“, hatte das Viertel damals noch nicht. Der völlig verwahrloste Eingangsbereich war übersät mit Müll und bedeckt von Ruß. Es war schwer, das Gebäude so sauber zu bekommen und soweit herzurichten, dass eine Familie dort wohnen konnte. Während das Gebäude vor jahrzehntealtem Dreck strotzte, war die Bausubstanz zum großen Teil in hervorragendem Zustand – eine Folge der hochqualitativen Bauweise. Das Eichenparkett, das Fachwerk und die Türen waren auf schöne Art gealtert. Einige Wände waren entweder original zinngepresst oder mit detaillierten, zeitgenössischen Verzierungen versehen. Mehrere Wände waren mit weißen Fliesen der Sorte bestückt, die man um die vorletzte Jahrhundertwende in New Yorks besten Gesundheitseinrichtungen finden konnte. Die kleinen Mosaikfliesen, die den Boden des Kellergewölbes bedeckten, sahen noch immer aus, als hätte man sie eben erst gelegt.

Alte Aufzüge – via NY Magazine

Die Philosophie des Paares war es dann auch, alles Alte so detailgetreu wie möglich zu erhalten. Der originale Aufzug des Gebäudes – ein eleganter filigraner Kupferkasten – wurde wieder in Betrieb genommen, der riesige Gussofen in seinen Originalzustand versetzt. Er steht in einem großen Raum im sechsten Stock, in dem früher die Bankangestellten ihre Mahlzeiten einnahmen. Der ehemalige Banktresor wurde ein perfekter Lagerort für Jay Maisels Fotoarchiv. Natürlich musste manches neugemacht werden. Da das Gebäude vor der Erfindung von Klimaanlagen gebaut wurde, musste Maisel ein ausgeklügeltes System von Rohren entwerfen, die die von sechs verschiedenen Anlagen gekühlte Luft in jedes Stockwerk transportieren. Der Einbau einer zentralen Klimaanlage, wie sie heutzutage bei einem solch großen Gebäude üblich wäre, hätte einiges an alter Bausubstanz zerstört und ein Vermögen gekostet. Die Maisels achteten auch sehr darauf, alle Neuerungen so „unsichtbar“ wie irgend möglich zu platzieren.

Die Geschichte des Gebäudes ist eng verbunden mit der der deutschen Einwanderer in New York. Die Gegend rund um 190 Bowery war um 1900 als Kleindeutschland bekannt. Hier gab es die größte Ansammlung deutscher Einwanderer und deutschstämmiger Amerikaner in ganz Amerika. Passend dazu war der Bauherr die Germania Bank. Für Bankbetrieb und Verwaltung wünschte sie sich ein Gebäude im zu dieser Zeit modischen Beaux-Arts-Stil. Die Bank wurde dann zu einer wichtigen Anlaufstelle für sparsame Einwanderer oder solche, die sich mit einer Hypothek den Traum vom eigenen Häuschen in der neuen Welt erfüllen wollten (viele sahen das Leben in der engen Stadt nur als Lösung auf Zeit und hatten das Ziel, rauszuziehen, sobald es ihnen finanziell möglich wäre). Vom Entwurf des Architekten Robert Maynicke bis zur Baufirma Marc Eidlitz & Son blieb alles in deutschstämmiger Hand. Das Baubudget betrug 200.000 Dollar, eine stolze Summe für die damalige Zeit.

Seit den 70er Jahren, als Graffiti und Streetart in New York aufkamen, war 190 Bowery eine ideale Leinwand für Künstler, da es vermeintlich verlassen war oder zumindest einen Besitzer hatte, der die Werke nicht möglichst schnell wieder entfernen ließ. Früher stellte Maisel zwar Leute an, die die Fassade alle paar Jahre reinigten, aber in späteren Jahren ließ er die Graffiti wie und wo sie waren. Das Ergebnis ist ein spannender Kontrast zwischen dem alten, gespenstisch anmutenden Gebäude und der modernen Straßenkunst.

Nur wenige Häuser aus der Hochzeit von Little Germany haben überlebt. 190 Bowery ist eines der interessantesten, da es auch den Wandel der Stadt verkörpert. Es hat viele unterschiedliche Leute kommen und gehen gesehen, die in den einzelnen Epochen in New York zu Hause waren oder die Stadt besuchten – von deutschen Einwanderern über Graffitikünstler bis hin zu Shoppern aus der ganzen Welt, die in den schicken Boutiquen einkaufen, die es heute hier gibt. In den gut 120 Jahren, die es nun bereits an seiner Ecke steht, hat 190 Bowery viel an Veränderung in New York erlebt – auch Immobilienpreise, die ins Astronomische schossen.

Als der deutschstämmige Immobilieninvestor Aby Rosen im Jahr 2015 55 Millionen Dollar für das Gebäude bot, entschloss sich der nun 84-jährige Maisel, 190 Bowery nach fast 50 Jahren zu verkaufen. Rosens Plan war es, das Gebäude von außen kaum zu verändern. Bei der Umwandlung der Räume zu Laden-, Wohn- und Büroflächen sollten auch innen charakteristische Baumerkmale erhalten bleiben – natürlich wohl nur, solange sie der Vermarktbarkeit der Flächen nicht im Wege stehen. Einen Erfolg kann diese Strategie aber auf jeden Fall vorweisen. Die junge Luxusbekleidungsmarke Totokaelo, die im Oktober 2017 einen großen Laden im Erdgeschoss eröffnete, nutzt die alten Banktresore nun als Umkleidekabinen.

190 Bowery im Jahr 2018 – Foto Erol Inanc
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