Die Bowery – Eine Straße zeigt den Wandel der Stadt

Die Bowery in den 70er Jahren – Foto Leland Bobbe

Es gibt eine Geschichte über einen New Yorker, der nach 20 Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird und Manhattan so verändert vorfindet, dass er es nicht mehr wiedererkennt. Die Gefühle, die die New Yorker dieser ständigen Erneuerung entgegenbringen, sind gemischt – sie symbolisiert Vitalität, aber auch eine Art Wurzellosigkeit, ein Verlieren von Bezugspunkten. Die Gegend, in der man seit ein paar Jahrzehnten wohnt, wird innerhalb von wenigen Jahren zum Trendviertel, die alte Stammkneipe macht zu und wird von einer hippen Lounge ersetzt, Freunde ziehen weg, weil die Mieten zu hoch werden. Nirgends sieht man diese Entwicklung extremer als in einer Straße mit dem ungewöhnlichen Namen The Bowery (man erkennt Besucher gleich daran, dass sie Bowery Street oder Bowery sagen).

The Bowery, die schon von den Manhattaner Ureinwohnern, den Lenape-Indianern angelegt wurde, hat eine der längsten Geschichten unter den Straßen New Yorks. Zu holländischen Kolonialzeiten im 17. Jahrhundert haben die Bewohner die „bowerij“ benutzt, um von Fort Amsterdam an der südlichen Spitze Manhattans zum Anwesen von Peter Stuyvesant zu kommen. Stuyvesant verwaltete als „General-Direktor“ die Region, die damals Nieuw Nederland, also Neue Niederlande, hieß. In die Geschichte New Yorks ging Stuyvesant als jemand ein, der Ordnung in die Siedlung brachte und in dessen Amtszeit New York den Holländern an die Engländer verloren ging.

Die nächsten Generationen fanden idyllische Zustände an der Bowery vor, man sah hier fruchtbare Ländereien, schöne Häuser und prächtige Bäume. Im frühen 18. Jahrhundert siedelten sich dann Theater an, die Besucher aus allen Gegenden New Yorks anlockten. Nach dem Bürgerkrieg wurden die Theater durch Jahrmarktbühnen mit Schwertschluckern, Löwenbändigern, Zwergen und burlesken Tänzern ersetzt, die damals in Mode kamen.

Der Niedergang der Bowery begann im Jahr 1878, beim Bau der Hochbahn. Entlang der Route tropfte ständig heißes Öl von oben herab und machte eine Passage für Fußgänger sehr unerfreulich. Die Museen und Theater packten alsbald ihre Sachen, nichts anderes trat an ihre Stelle, und The Bowery verwahrloste nach und nach. Diese Veränderung zum Negativen wurde dadurch begünstigt, dass die Straße am südlichen Ende an Five Points grenzte – eine arme Gegend, die für ihre Bordelle, Bars und Biergärten bekannt ist. Hier beherrschten Gangs die Szene und die meisten Stadtbewohner mieden die Bowery, die durch die Ansiedlung von schäbigen Häusern ihren Ruf als Pennergegend innehatte. Martin Scorcese hat diese Atmosphäre in seinem Film „Gangs of New York“ gut eingefangen.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen dann immer mehr Heime für meist alkoholkranke Obdachlose hinzu. The Bowery wurde so zum Symbol des ultimativen Abstiegs, galt als Endstation. Der wird auf The Bowery enden, hieß es, wenn man von jemand sprach, dessen Zukunftsaussichten man als sehr trübe einschätzte. Über Dekaden wurde das Wort „Bowery“ nicht nur in New York, sondern in ganz Amerika mit Pennerleben gleichgesetzt. Der miserable Ruf der Bowery zog aber auch Neugierige an, für die in den 50er und 60er Jahren eigene Besichtigungstouren angeboten wurden. Im Winter starteten diese Touren erst, nachdem Polizeipatrouillen sichergestellt hatten, dass keine Leichen von erfrorenen Obdachlosen auf der Straße lagen. Weiter weg als auf The Bowery konnte man von einer konformen Kleinbürgerlichkeit, die das Leben in weiten Teilen der USA zu diesem Zeitpunkt bestimmte, kaum irgendwo sein. Die Andersartigkeit zog dann auch viele Künstler an, von denen einige später – wie der Schriftsteller William Burroughs, der Maler Mark Rothko oder die Fotografin Nan Goldin – zu Weltruhm gelangten. Im Jahr 1970 hat Paul Morrissey für das Werk „Trash“ von Andy Warhol dieses Viertel für immer auf Celluloid gebannt. Später in den 70er Jahren nahm die amerikanische Punkbewegung im hiesigen Musikklub CBGB ihren Anfang, und die Karrieren von später weltbekannten Bands wie Blondie, den Ramones oder den Talking Heads begannen hier. 2006 musste der legendäre Club schließen, weil er sich die steigenden Mieten nicht mehr leisten konnte.

Und 2017? Heutzutage ist The Bowery – nachdem sie vor 15 oder 20 Jahren von jungen Trendsettern wiederentdeckt wurde – eine der coolsten und teuersten Adressen in ganz New York, mit exklusiven Boutiquen (in den Räumen des CBGB befindet sich nun die Edelboutique von John Varvatos), schicken Restaurants oder dem New Museum, dem teuersten Museumsneubau in Jahrzehnten. Große Teile der alten Bevölkerung sind nach und nach verschwunden, und obwohl es noch einige Obdachlosenheime gibt, sieht man heutzutage mehr europäische Touristen hier, die mit Einkaufstüten beladen in eins der neu entstandenen hochpreisigen Designerhotels zurückkehren – die Penner, die The Bowery einmal charakterisierten, sind weitgehend aus dem Straßenbild verschwunden.

2017 steht auf der Strasse das luxuriöse Bowery Hotel -Hier können Zimmer bis zu $ 500 kosten Foto – Ed Wharton kosten

Einige finden den Wechsel positiv, andere klagen, dass wieder eine Ecke der Stadt die Metamorphose zum Spielplatz der Reichen, Schönen und Jungen durchgemacht hat und damit ein weiteres Stück New Yorker Urgestein verloren gegangen ist. Eines ist sicher: Einen besseren Anschauungsunterricht für die Veränderung New Yorks als diese 950 Meter lange Straße gibt es kaum.

Denkmalschützer haben letztes Jahr erreicht, dass die Bowery in das „National Register of Historic Places“ aufgenommen wurde. Die Straße gehört nun offiziell zum amerikanischen Kulturerbe, was den Erhalt vieler alter Gebäude garantiert.

Der Denkmalschützer Kent Barwick sagte der New Yorker Wochenzeitung „Observer“ zu diesem Anlass: „Die Bowery ist quintessentielles New York. Ein bisschen kaputt, eine Schattenseite der Stadt. Diese Schattenseiten sind immer die authentischen Seiten einer Stadt. Man fühlt sich hier noch im echten New York, an einem besonderen Platz. Was es von der alten Bowery noch gibt, ist jetzt aber auf der Intensivstation. Wie lange sie durchhalten wird, weiß man nicht.“

Seit ein paar Jahren ist der lange extrem schwer zu findende Film „On the Bowery“ aus dem Jahr 1955 wieder auf DVD erhältlich. Der halbdokumentarische Streifen zeigt die Welt der Alkoholiker und billigen Männerheime. Viel des Geschehens spielt sich unter der Hochbahn ab, die es damals noch gab, und die Männer dort leben größtenteils in einem ständigen Hin und Her zwischen Gefängnis und Bowery. Empfehlenswert für New York Fans. Hier der Trailer.

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