Zeitmaschine

Die ‘Capeman’ Morde in den 1950er läuteten das Medienzeitalter in New York mit ein

Foto: New York Herald Tribune
Tony (links) und Salvador. – Foto: New York Herald Tribune

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg richtete sich der Blick der amerikanischen Regierung wieder mehr nach innen. Es hatte sich auch Einiges angesammelt. Ein Punkt auf der Liste waren die Probleme mit Puerto Rico, dessen Einwohner amerikanische Staatsbürger sind, weil ihr Freistaat den Status eines sogenannten Außengebiets („Unincorporated Territory“) der USA besitzt.

Regierungsstellen glaubten, dass die kleine, dicht besiedelte Insel nicht in der Lage sein würde, auf Dauer mit einer agrarisch ausgerichteten Wirtschaft zu überleben. Es entstand der Plan, weite Teile der Landbevölkerung, für die es dann keine Arbeit mehr geben würde, in amerikanischen Städten anzusiedeln, wo es boomende Fabriken, aber nicht genug Arbeiter gab, und viel mehr als auf den Zuckerrohrfeldern verdient werden konnte. Die ganze Initiative nannte sich Manos A La Obra oder Operation Bootstrap, was ungefähr „Hilfe zur Selbsthilfe“ heißt. Als dann die Flugpreise in den 50er Jahren stark sanken, wurde es möglich, diesen Plan im großen Stil umzusetzen. Das bevorzugte Ziel war New York, weil es hier schon mehr Puerto Ricaner als in jeder anderen Stadt der USA gab. Viele der Inselbewohner hatten hier bereits Familienmitglieder oder wussten zumindest, dass sie einiges an puerto-ricanischer Kultur in der Metropole finden würden.

1959 betrug die Anzahl von Puerto Ricanern in New York 642.000, von denen mehr als die Hälfte innerhalb der vorausgegangenen zehn Jahre eingereist war.

Viele der neu angekommenen Erwachsenen meldeten sich aber nicht bei den Fabriken zum Arbeiten, sondern gingen stattdessen zum Sozialamt. Viele der Kinder sahen in der neuen, lauten und großen Stadt, deren Sprache sie nicht verstanden, Gangs als schnelleren Weg zu Ansehen und Geld als eine mühsame Schulausbildung.

Ein Großteil der weißen New Yorker hatten eine sehr geringe Meinung von den Neuankömmlingen. Sie betrachteten sie als Faulenzer, die lieber von der Wohlfahrt schmarotzten, als ehrlicher Arbeit nachzugehen. Und ihre Kinder, speziell die im Teenageralter, hatten den Ruf von Gangmitgliedern, die zu Kriminellen heranwuchsen. Die Puerto Ricaner ihrerseits hielten viele der Alteingesessenen für Rassisten, die sie alle über einen Kamm scherten und ihnen nicht einmal ein Mindestmaß an Respekt entgegenbrachten. Die Spannungen und Emotionen sorgten dafür, dass zwei der 390 Morde, die im Jahr 1959 verübt wurden, als die „Capeman Murders“ in die New Yorker Kriminalitätsgeschichte eingingen.

Etwa um Mitternacht kommt ein Taxi mit quietschenden Reifen an. Ihm entsteigen zwei weitere puerto-ricanische Teenager, Salvador „Sal“ Agron und Antonio „Tony“ Luis Hernandez. Sal, 16 Jahre alt, kommt aus Brooklyn, wo er eine Gang namens Mau Maus anführt. Er schickt sich an, auch Anführer der Vampires zu werden, die ein paar Wohnblocks nördlich vom Spielplatz agieren. Mit sich hat er seinen über 30 Zentimeter langen, versilberten Dolch. Hernandez, 17 Jahre alt, der aus der Bronx stammt, ist sein „oberster Leutnant“. Die beiden Vampires kommen an diesem Abend aus zwei Gründen zum Spielplatz, der ja eigentlich außerhalb ihres Reviers liegt. Sie wollen ihr „Territorium“ bis hinunter zur 45th Street ausdehnen, und sie haben gehört, dass andere Puerto Ricaner von irischen und italienischen Teenagern aus dieser Gegend verspottet und öfters auch mal zusammengeschlagen wurden. Deshalb ist eine „Schlacht“ zwischen den Vampires und den Nordics, einer weißen Gang, arrangiert worden.

Tony (links) Und Salvador Foto: New York Herald Tribune
Tony (links) Und Salvador Foto: New York Herald Tribune

Die Nordics lassen sich aber nicht blicken. Stattdessen kreuzen die drei Teenager auf dem Rückweg von einem Kinofilm an dem unbeleuchteten Spielplatz auf, treffen dort drei Freunde, zwei Jungen und ein Mädchen, und setzen sich, um sich zu unterhalten.

Als die Vampires merken, dass die Nordics sie versetzt haben, schwappt ihre Wut auf die unbeteiligten weißen Teenager über. Es kommt zu einem brutalen Angriff, und als alles vorbei ist, liegt der 16-jährige Robert Young erstochen auf dem Spielplatz. Der 17-jährige Anthony Krzesinski schafft es noch in ein benachbartes Wohnhaus: „Ich bin verletzt, bring mich ganz schnell nach oben“, fleht er einen Freund an. Er starb kurz darauf in einem Apartment, wo sie um Hilfe gebeten hatten. Edward Riemer, 18 Jahre alt, der aus der Ninth Avenue stammt, wird ebenfalls mit dem Messer verletzt und niedergetrampelt und kommt in kritischem Zustand ins Krankenhaus. Er überlebt seine Verletzungen. Einigen Aussagen im Prozess zufolge hatten einige der Gangmitglieder die Opfer am Boden festgehalten, während Agron ihnen in den Rücken stach. Ein anderer Junge, der auch überlebte, flüchtete buchstäblich mit seinen Innereien in der Hand.

Drei Tage später werden Agron und Hernandez verhaftet. Als Agron beim Betreten der Wache an der 47th Street (nun die Seite des Ramon Aponte Park) von Reportern befragt wird, warum er dieses Verbrechen begangen habe, antwortet er: „Weil ich Lust darauf hatte. … Mir ist es egal, ob ich hänge, oder ob meine Mutter dabei zusieht.“ Tatsächlich bringt seine Mutter, Esmeralda Gonzalez, ihm eine Bibel, die er aber nicht annimmt. Die Presse greift diese Zitate begierig auf.

Ende der 50er Jahre, also am Anfang der Rock’n’Roll-Ära, war Amerika zugleich beängstigt und fasziniert, ja richtiggehend besessen von jugendlichen Gewalttätern. Hollywood tat sein Bestes, um dieses Thema auszuschlachten und nach allen Regeln der Kunst zu vermarkten. Jemand wie Agron, der anscheinend keine Reue zeigte, der sagte, dass ihm alles egal wäre, und der seine Opfer noch nicht einmal kannte, war der ideale „Halbstarke“ für einen riesigen Medienzirkus. Dass die Täter Puerto Ricaner und die Opfer Weiße waren, machte alles noch „besser“. Das Interesse von Zeitungen, Radio und Fernsehen hielt gleich mehrere Wochen an.

Schnell wurden auch reißerische Namen für Agron und Hernandez gefunden. Agron, der ein Vampircape trug, taufte man den „Capeman“, Hernandez den „Umbrellaman“, wegen seines Regenschirms, den er als Waffe einsetzte. Die Zeitungen behaupteten, Agron und Hernandez seien „Wiedergeburten des Teufels“, die alles symbolisierten, was falsch lief mit der damaligen Gesellschaft und Jugend. Agrons Statements lieferten auch weiter perfekte Schlagzeilen, zum Beispiel seine Antwort „Einfach, weil mir danach war“ auf die Frage, warum er die Taten begangen habe. Die Capeman-Morde wurden zu einem der publizistisch am meisten vermarkteten Verbrechen in dieser Ära. So viel und so lange war davon in den Zeitungen und im Radio die Rede, dass sich viele ältere New Yorker noch heute gut daran erinnern. (Es gab auch TV-Berichterstattung, die aber damals bei Nachrichten ein eher zweitrangiges Massenmedium war.)

Agron, der fast nicht lesen konnte und ein schlechtes Verhältnis zu seinem Stiefvater, einem selbsternannten Priester hatte, wurde zum Tode verurteilt. Nur sechs Tage vor seiner geplanten Hinrichtung wandelte Gouverneur Nelson Rockefeller seine Strafe in lebenslänglich um, sogar auf Bitten von Staatsanwalt Frank Hogan und Richter Gerald Culkin, die Agron angeklagt und verurteilt hatten.

Auch Hernandez wurde des Mordes für schuldig befunden, erhielt eine Strafe von siebeneinhalb bis zu 15 Jahren und wurde nach Verbüßen der Mindestdauer entlassen. Vier weitere Gangmitglieder erhielten geringere Strafen.

Im Gefängnis wurde die Sozialarbeiterin Stella Davis zu Agrons Ersatzmutter. Mrs Davis lehrte Agron nicht nur, wie man richtig schreibt und liest, sie motivierte ihn auch, Fernkurse zu belegen und brachte Zeitungen dazu, Agrons Gedichte zu veröffentlichen. Er entwickelte sich zu einer Art „Gefängnis-Anwalt“, der anderen Insassen dabei half, Anträge auf Hafterleichterungen und Begnadigungsgesuche zu verfassen. Im Gefängnis absolvierte er die High School und erwarb sogar einen Collegeabschluss in Soziologie und Philosophie.

Wegen guter Führung wurde Agron 1979 auf Bewährung entlassen. Er zog zu seiner Mutter, seiner Schwester und ihrem Kind in die Bronx. Schon bald fand er einen Job bei einer Organisation, die sich für die Rehabilitierung entlassener Häftlinge einsetzte. Am 16. April 1986 wurde Agron mit inneren Blutungen ins Krankenhaus eingeliefert und starb ein paar Tage später, kurz vor seinem 43. Geburtstag, an einer nachfolgenden Lungenentzündung.

In den Jahren nach seiner Entlassung sagte Agron einmal: „Wenn sie sagen, Salvador, du bist frei, dann lächle ich. Ich gehe da raus und sehe diese Ghettos und sehe diese Armut. Und ich sage, es ist relativ. Freiheit hängt auch von den Umständen ab. Es ist etwas sehr Subtiles, etwas, dem du hinterherjagst.“

 

 

In den 90er Jahren schrieb Paul Simon das Musical „Capeman“, das auf dem Broadway aufgeführt wurde.  Hier der Song ‘Born in Puerto Rico’.

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