Leute aus D-A-CH in NY

Die ‘General Slocum’ Schiffskatastrophe und der Niedergang von ‘Kleindeutschland’

Ein Bild zeigt die ‘General Slocum’ Katastrophe

In der Zeit von etwa 1840 bis 1860 kamen rund eine Million deutsche Einwanderer nach Amerika. Landknappheit, Arbeitslosigkeit, Hungersnöte, politische und religiöse Unterdrückung daheim waren die Gründe dafür. Die erste Anlaufstation der meisten dieser Immigranten war New York. Um die 100.000 blieben dann auch gleich hier, was bedeutete, dass es um 1860 herum ungefähr viermal so viele Deutschstämmige gab wie vor dieser Einwanderungswelle. New York war zu dieser Zeit die Stadt mit der drittgrößten Anzahl an deutschsprechenden Einwohnern, hinter Berlin und Wien.

Die meisten dieser Neuankömmlinge siedelten sich im heutigen East Village und der Lower East Side an, zwei aneinandergrenzende Viertel im südlichen Manhattan. Damals war die Gegend als „Kleindeutschland“ oder „Deutschländle“ bekannt.

Die meisten dieser deutschen Einwanderer brachten, im Gegensatz zu vielen Immigranten aus anderen Ländern wie zum Beispiel Irland, vermarktbare Fähigkeiten mit in die neue Welt. Viele waren gelernte Handwerker wie Schneider, Bäcker, Schuhmacher, Brauer oder Möbelmacher.

Die Gegend wuchs und blühte auf. In den frühen 1870er Jahren umfasste Kleindeutschland 400 Blocks, mit dem Weißen Garten (heute Tompkins Square Park) als Zentrum. Avenue B, oft auch der German Broadway genannt, war die Geschäftsstraße. Es gab einige Fabriken und in fast jedem Keller eine Werkstatt, in den meisten Erdgeschossen waren Läden untergebracht, und die teilweise überdachten Gehsteige dienten als Märkte für alle Arten von Waren. Avenue A, gleich nebenan, war zum Teil die Vergnügungsmeile von Deutschländle. Hier fand man die Bierkeller, Restaurants und auch die in ganz New York populären Austernbars (Austern waren zu der Zeit übrigens reichlich vorhanden und kein Luxus, sondern wurden sogar an Straßenständen verkauft). Natürlich durften auch die Vereinsheime nicht fehlen.

Die ‘Atlantic Garden Beer Hall’ zu den Hochzeiten von Kleindeutschland um 1880

In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts begann der in New York oft unausweichlich erscheinende Wandel. Die Kinder der Einwanderer zogen in andere von Deutschen geprägte Gegenden, viele nach Yorkville, Teil von Manhattans Upper East Side. Die nachrückenden Bewohner waren meist Mitglieder anderer ethnischer Gruppen, und allmählich änderte sich der Charakter der Gegend. Seinen Todesstoß erfuhr Kleindeutschland am 15. Juni 1904.

An diesem sonnigen Frühsommermorgen machten sich mehr als 1.400 Gemeindemitglieder der lutherischen St.-Mark’s-Kirche auf den Weg zum East Third Street Pier, wo der Raddampfer General Slocum auf sie wartete. Eine jährliche, vom beliebten Pastor George Haas organisierte Vergnügungsfahrt sollte entlang des East River nach Long Island gehen, wo ein Picknick geplant war. Eine schöne Abwechslung von der harten Arbeit und den schwülen Mietskasernen. Für einige Erwachsene war es die erste Schiffsfahrt seit ihrer Atlantiküberquerung, für viele Kinder die erste überhaupt.

Die Kapelle des Musikprofessors Georg Maurer spielte auf. Zu essen gab es Muschelsuppe, zum Nachtisch Eis und dazu natürlich Bier. Alles schien idyllisch – dies sollte sich aber schon bald nach dem Ablegen ändern. Eines der Kinder entdeckte Rauch, wahrscheinlich von Strohballen, die durch ein achtlos weggeworfenes Streichholz entzündet worden waren.

Erst einmal wurde dem Kind nicht geglaubt und es dauerte zehn Minuten, bis der Kapitän vom Feuer erfuhr. Anstatt sofort an der nächstmöglichen Stelle anzulegen, traf der Kapitän eine Entscheidung, die sich im Nachhinein als tragischer Fehler erweisen sollte. Da er befürchtete, dass die Flammen auf die Öl- und Holzlager an Manhattans Ufern übergreifen würden und die Felsen dort zu einer Havarie führen könnten, hielt er stattdessen Kurs auf North Brother Island, eine erheblich weiter entfernte Insel, die bis auf ein Krankenhaus für ansteckende Krankheiten unbewohnt war.

Durch den Fahrtwind erhielten die Flammen weiterhin Nahrung und kamen bis ans Oberdeck. Panik brach aus. Die Rettungsboote ließen sich nicht klar machen. Die Mannschaft flüchtete, anstatt zu helfen. Die Schwimmwesten waren zum Großteil unbrauchbar, da sie seit Jahren nicht ersetzt worden waren und der Kork schon porös war.

Leichen auf North Brother Island

Als das Schiff dann endlich landete, verkantete sich der Bug im Sand. Die vielen Passagiere aber, die zum Heck geflüchtet waren, standen nun vier Meter hoch über tiefem Wasser. Die meisten waren Nichtschwimmer und befanden sich damit in einer Todesfalle.

Selbst wer schwimmen konnte, hatte sein Überleben nicht gesichert. Vielen wurde durch die panischen Ertrinkenden, die sie umklammerten, oder die schwere Sonntagskleidung das Schwimmen unmöglich gemacht. Die Patienten des Krankenhauses und ein Hafenschlepper versuchten zu helfen, doch es war zu spät. Über 1.000 Opfer waren zu beklagen, darunter viele junge Menschen und Kinder.

Kleindeutschland befand sich im Schockzustand. In den Tagen danach waren ganze Straßen mit Leichenwagen verstopft. Einige Dutzend Väter konnten die schrecklichen Ereignisse nicht verkraften und begingen Selbstmord. Es wären noch mehr gewesen, wenn Einwohner nicht Menschen unter Körpereinsatz davon abgehalten hätten, in den East River zu springen.

Die Presse fiel über die Mannschaft, den Schiffseigner und besonders Kapitän Van Schaick her. Der 68-Jährige wurde zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, aber nach vier Jahren von US-Präsident Taft begnadigt.

Die deutschstämmige Bevölkerung in Deutschländle verschwand in den folgenden Jahren fast ganz aus der Gegend, die so viel schlechte Erinnerungen barg. Der Untergang der General Slocum sollte bis zum 11. September 2001 die schlimmste Katastrophe in der Geschichte New Yorks bleiben.

Beerdigung von ‘General Slocum’ Opfern in Kleindeutschland
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