So funktioniert New York

Die Subway – So funktioniert die New Yorker U-Bahn

Foto – Walter Cohn

Nichts ist typischer für New York als eine U-Bahn-Fahrt. In New York fahren alle Arten von Menschen mit der Subway, wie sie hier heißt, weil es meist die schnellste und – abgesehen vom Gehen – die billigste Fortbewegungsmöglichkeit ist. Vom Wall-Street-Spitzenverdiener bis zum Sozialhilfeempfänger, vom Latino-Teenager bis zur alten Dame, die in die Oper will, sieht man in der rund um die Uhr fahrenden Bahn ein Panorama der ganzen New Yorker Gesellschaft.

Die Subway geht zurück bis ins späte 19. Jahrhundert. In den 1890er Jahren wurde der Plan geschmiedet, ein Transportsystem im Untergrund unter Nutzung der damals neuen Elektromotoren zu errichten. 1904 wurde die erste Strecke eröffnet. Bis zu den 40-er Jahren wurde mit Hochdruck weitergebaut.

Finanziert wurde der U-Bahn-Bau durch Stadtmittel, aber betrieben wurde die Subway bis 1951 von verschiedenen privaten Firmen, denen jeweils bestimmte Linien gehörten. Dass es einmal verschiedene Systeme waren, die später zu einem U-Bahn-Netz zusammengefasst wurden, ist übrigens der Grund für die heute etwas seltsame anmutende Kennzeichnung der Linien, die ohne sichtbare Logik manchmal durch Buchstaben und manchmal durch Nummern erfolgt.

Typischer New Yorker U-Bahn Zug (Zugmodell R160)

Die Bahn machte es möglich, dass Leute aus dem Zentrum in die Randgebiete und Vororte ziehen konnten, wo es billiger und die Lebensqualität, vor allem durch mehr Platz, oft besser war. Eine wichtige Rolle spielte hierbei der Pauschaltarif, der auch heute noch gilt und bei dem es egal ist, ob man nur drei Stationen oder durch die ganze Stadt fährt. Die Transportkosten waren also nicht höher, wenn man in einem der Außenbezirke wohnte und zum Arbeiten nach Manhattan pendelte. Nicht unwichtig für eine Bevölkerung, deren Großteil jeden Cent ein paarmal umdrehen muss. In mancher Hinsicht machte die Subway mit dem Einheitstarif die Erschließung des ganzen Stadtgebietes und die Entwicklung zum New York, wie wir es heute kennen, erst möglich. Seit ihrer Einführung fährt die U-Bahn 24 Stunden am Tag. Ein wichtiger Faktor fürs Wirtschaftsleben der nie ruhenden Stadt. Wenn Sie das wirkliche Leben sehen wollen, mit Menschen, die wie die Ameisen durch die langen unterirdischen Gänge laufen, begeben Sie sich an eine der fünf Stationen, wo am meisten los ist: Das sind der Times Square (64 Millionen Passagiere/Jahr), die Grand Central Station (44 M), der Herald Square (38M) und der Union Square (35M).

Das U-Bahn-System hat über 470 Stationen und mehr als 1.100 Kilometer Gleisstrecke. (Kürzlich haben zwei junge Männer einen Weltrekord aufgestellt und sind alle Strecken in 22 Stunden und 51 Minuten abgefahren.) Mit Ausnahme der großen Stationen und Knotenpunkte sind die meisten Bahnhöfe nicht sehr tief angelegt, sodass die Subway fast schon direkt unter der Straße fährt (man kann sie auch oft von oben durch die Lüftungsgitter hören). In den zentrumsfernen Gegenden verläuft die Bahn oberirdisch – um die enormen Kosten und Schwierigkeiten beim Tunnelbau zu sparen –, weshalb rund 40 Prozent der New Yorker U-Bahn eigentlich gar keine Untergrundbahn sind. Im Jahr 2014 wurden um die 1,7 Milliarden Fahrten getätigt, 5 Millionen waren es an typischen Wochentagen. Die Bahn kommt tagsüber so alle 3 bis 7 Minuten, am Abend etwas weniger häufig, aber selbst mitten in der Nacht noch alle 20 Minuten.

Betrieben wird die U-Bahn heute von der New York City Transit (NYCT), einer öffentlichen, aber von der Stadt unabhängigen Organisation. Die NYCT beschäftigt 34.000 Arbeiter und hat ein jährliches Budget von 7 Milliarden Dollar. Darin enthalten sind zwar auch Kosten und Arbeitsleistung für die Stadtbusse, die die NYCT ebenfalls betreibt, aber den Löwenanteil verschlingt die Subway.

Die U-Bahnhöfe machen auf viele Leute einen alten, leicht kaputten Eindruck (nicht jedoch die Züge, die modern sind). Das stimmt, aber man muss sich vor Augen halten, dass der Betrieb einer solchen Bahn ein ständiger Kampf gegen den Verfall ist. So müssen täglich durchschnittlich 50 Millionen Liter eindringendes Wasser aus dem U-Bahn-System in die Kanalisation abgepumpt werden. Von den schätzungsweise 25 Millionen Ratten in New York haust ein großer Teil in den Tunnels, da viel Essbares auf den Schienen liegt. Allein in den letzten zwei Jahrzehnten wurden 26 Milliarden Dollar für Reparaturen und Instandhaltung ausgegeben. Obwohl auch Verschönerungsarbeiten nach und nach durchgeführt werden, muss man Aufgaben, die die Funktionalität der Bahn betreffen, den Vorrang geben.

Viele Leute, die nicht hier leben, denken, dass die Subway gefährlich wäre. Tatsächlich wurde sie in den 70ern und Teilen der 80er Jahre – einer Zeit, zu der die Stadt insgesamt in schlechter Verfassung war – von vielen Menschen gemieden, da es einiges an Kriminalität gab. Die Filme „Death Wish“ („Ein Mann sieht rot“) und „The Warriors“ fangen diese Atmosphäre gut ein (auch wenn sie aus filmischen Zwecken natürlich übertreiben). Die U-Bahn ist heutzutage extrem sicher (bei geschätzten 15.000 Fahrten in 23 Jahren habe ich nicht einmal einen ernsten Zwischenfall erlebt). Schwere Unfälle sind höchst selten, den schlimmsten gab es 1918, als der Zugführer (eine Aushilfe, da die Festangestellten streikten) in einem Tunnel die Kontrolle über die Bahn verlor. 98 Menschen starben damals, 200 wurden verletzt. 1991 gab es einen Unfall mit 5 Toten.

Die meisten Zwischenfälle, bei denen Leute ernsthaft zu Schaden kommen, werden heutzutage durch auf die Gleise springende oder stürzende Personen verursacht. Viele von ihnen sind Selbstmörder, andere betrunken, andere wollen hinuntergefallene Handys oder Geldbeutel bergen. Manchmal werden Menschen bei Streitereien auch aufs Gleis geschubst. 2013 wurden 151 Menschen angefahren, 53 starben.

In den Stationen findet man oft Musiker, von denen viele sehr gut spielen – um einen offiziellen Platz zu ergatterm, muss man von einer Jury ausgewählt werden, an vielen Bahnhöfe gibt es interessante Kunst.

Bis Mitte der 90er Jahre zahlte man für die Bahn ausschließlich mit dem Token, einem Chip, der in einen Schlitz gesteckt wurde und zu einer New Yorker Ikone wie das Bagel oder das Empire State Building wurde. Dann wurde die Metro Card, eine Magnetkarte, eingeführt. Eine Einzelfahrt kostet 2,75 Dollar, eine Wochenkarte 32 Dollar und für Monatskarten muss man 121 Dollar berappen. (Die Wochen- und Monatskarten gelten übrigens auch für Stadtbusse.)

 

Der alte ‘Token’ – so kultig, dass er heute sogar in Schmuck und Accessoires wie Manschettenknöpfen Verwendung findet. Das Design des Token wurde alle paar Jahre verändert.

Seit den 40-er Jahren wurden überraschend wenig neue Stationen gebaut. Bis Dezember 2016, als der erste Teil der ‚Second Avenue Subway‘ eröffnet wurde, kam keine einzige neue Strecke dazu. Hauptgrund sind die gewaltigen Kosten und Schwierigkeiten beim U-Bahn Bau in New York, über die Sie im NY Aktuell Artikel ‘Second Avenue Subway‘ lesen können.

Heute steht das New Yorker U-Bahn System vor gewaltigen Herausforderungen und Problemen, von denen sich einige über Jahrzehnte aufgetürmt haben. Diese sind so groß, dass Sie kommende Woche einen eigenen Artikel hierzu bei NY Aktuell finden.

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