Leute aus D-A-CH in NY

Deutschstämmiger Concierge Günther Kleemann kennt New York wie seine Westentasche

Photo: Joann Jovinelly
Foto: Joann Jonelly

Nicht viele Menschen kennen New York besser als Günter Kleemann, der als Concierge im New York Palace, einem Luxushotel an der Madison Avenue, arbeitet.

In einer Stadt wie New York, die sich Außenstehenden nicht einfach erschließt, brauchen die anspruchsvollen Gäste des Palace oft die Hilfe eines erfahrenen Concierge mit erstklassigen Kontakten. Wie sichere ich mir noch schnell einen Tisch im 11 Madison Park oder einem anderen angesagten Restaurant? Wie komme ich an Tickets für die Basketball-Playoffs, wenn die New York Knicks dabei sind? Wo kann ich ganz schnell mein Brautkleid professionell aufbügeln lassen, nachdem es auf dem Flug gelitten hat? Das sind nur einige der Fragen, die Kleemann und seine Kollegen so hören.

Kleemann wurde so etwas wie eine Legende in seinem Beruf. Er ist Mitglied des exklusiven Les Clefs d’Or (Die goldenen Schlüssel), einer internationalen Vereinigung von hervorragenden Hotelconcierges, und vor ein paar Jahren widmete ihm sogar die renommierte „New York Times“ einen Artikel. Kleemann kam aber nicht nach New York, weil er den seriösen Beruf des Concierge ergreifen wollte, sondern vielmehr seiner künstlerischen Ambitionen wegen. Er versuchte, sich als Schauspieler einen Namen zu machen und ergatterte auch eine Rolle im Kultfilm „I Spit on Your Grave“ (1978). Um diese Zeit herum schloss er ein Studium der Sozialwissenschaften ab und assistierte Modefotografen, bis er schließlich seine erste Anstellung als Concierge erhielt, einem Beruf, dem er lange Zeit seine Treue halten würde. NYA interviewt ihn.

Wo stammst du her? Was waren deine ersten Eindrücke von New York? Was hat sich seitdem geändert?

Ich wurde in Deutschland geboren und kam mit meinen Eltern in die USA, als ich zehn war. Aufgewachsen bin ich in Larchmont und Mamaroneck, Vororten, so 40 oder 50 Kilometer von New York entfernt. Nach dem College in New Hampshire wollte ich in der Stadt leben und habe New York seitdem nie wieder verlassen. Ich habe früh für mich entdeckt, dass dies der einzige Ort ist, an dem mein Geist Frieden findet. Was sich geändert hat? Die Stadt ist sauberer geworden. Ihre Ecken und Kanten sind dabei manchmal ein bisschen verloren gegangen, glaube ich. In den 70er Jahren gab es einige wirklich problematische Gegenden hier, aber zur selben Zeit war New York sehr human. Mittlerweile haben fast nur noch das große Geld und Immobilieninteressen das Sagen und ich befürchte, dass die Menschlichkeit irgendwann einmal ganz auf der Strecke bleiben wird.

Was fällt dir sonst noch ein, wenn du das heutige New York, besonders Manhattan, mit dem der 70er Jahre vergleichst?

Greenwich Village war in den 70ern wirklich eine Gegend, in der man viel Spaß hatte. Das East Village war der Platz, an dem man sein musste, wenn man zur Szene gehören wollte. Punk Rock war gerade aufgekommen. Alphabet City, rund um den Tompkins Square Park, hatte etwas von Safari, du brauchtest fast schon Personenschutz, um dorthin zu gehen. SoHo war immer noch voller Lagerhäuser und hatte nur wenige Bars, die aber toll waren und an die ich mit etwas Wehmut denke. Die Spring Street Bar war der Treff der Schriftsteller, in der Broome Street Bar am West Broadway verkehrten die Bildhauer und Maler. Fanelli’s Café an der Mercer Street war eine Arbeiterkneipe. Dann gab es im West Village damals wie heute die White Horse Tavern, die älteste durchgehend betriebene Bar in New York. Die Lion’s Head Bar an der Christopher Street hatte viel Atmosphäre, ist aber leider auch schon zu.

New York hat sich massiv verändert. Viele der Veränderungen sind gut, wie etwa der beständige Rückgang der Kriminalität und die Sanierung vieler armer Gegenden. Anderes finde ich negativ. Die Mieten in Manhattan steigen ins Unermessliche. Wer immer diese horrenden Beträge nicht länger zahlen kann, muss Manhattan verlassen, und oft die Stadt selbst, weil auch Brooklyn und Queens immer teurer werden. Die Zeiten der Lofts, die für 500 Dollar pro Monat zu haben waren, sind lange Geschichte. New York hatte einst ein vibrierendes intellektuelles Leben, eine kreative Dringlichkeit, die es sonst nirgends auf der Welt gab. Heutzutage scheint sich alles um Immobilien, Architektur, Essen und Shoppen zu drehen. Der Wohlstand hat sein Gutes, aber er hat der Stadt auch etwas Persönlichkeit genommen. Einzigartig auf der Welt ist und bleibt New York aber immer, und wer das alte New York nicht kennt, kann es auch nicht vermissen.

Zurück in die Gegenwart. Was sind ein paar Ecken im heutigen New York, die dir besonders gefallen?

Der Financial District ist toll, beginnend am Bridge Café – einem der ältesten in ganz New York – über die Stone Street mit ihrem Kopfsteinpflaster. Auf der Straße stehen lange Tische, wie in einem Biergarten. Da kommt man gut mit Leuten ins Gespräch. Das alte Schlachthofviertel, der Meatpacking District, hat viel in Sachen Nightlife und Shoppen zu bieten und der High Line, ein einzigartiger Park auf einem alten Schienengelände, fängt dort an. Ich mag auch die Upper West Side. Dort sind besonders die Columbus Avenue und Amsterdam Avenue interessant, vor allem wegen der vielen guten Restaurants. Ich gehe gerne ins Good Enough To Eat an der 83rd Street, das mich an die Zeiten der kleinen, familienbetriebenen Lokale erinnert.

Du hattest hier in der Stadt bereits einige Jobs, vom Assistenten eines Fotografen über Schauspieler bis hin zum Concierge.

Ich kam der Kunst wegen nach New York. Erst Filmemachen, dann Schauspieler. Eine große Liebe ist das Schreiben. Ich wuchs als Schriftsteller nur sehr langsam und habe immer noch das starke Bedürfnis zu schreiben. Die Stadt ist für mich die stärkste Quelle der Inspiration. Ich hatte mir gewünscht, berühmt zu werden, aber das hat nicht geklappt. Dann bot man mir die Stelle als Concierge an. Ich kannte New York durch meine lange Zeit hier auf viele Arten sehr gut, aber ich konnte durch die Arbeit als Concierge ganz neue Einblicke in wieder ganz andere Welten erlangen. Ich liebe die Arbeit hier.

Was gefällt dir besonders an deiner Aufgabe?

Ein schöner Aspekt sind die Kollegen. Unser Team hat gerade zum zweiten Mal in Folge den Excellence Award für das beste Concierge-Team in der Kategorie „Hotels über 500 Zimmer“ des New Yorker Hotelverbands gewonnen. Die schönsten Momente sind die, bei denen deine Gäste Dir ihre Dankbarkeit erweisen.

Was sind die Herausforderungen?

Die schiere Anzahl der Gäste und dass man oft verschiedene Sachen gleichzeitig machen und dabei die Ruhe bewahren muss. Während du jemandem hilfst, kommt schon der nächste, das Telefon klingelt und der übernächste Gast will auch Hilfe. Das geht nur mit einer Menge Selbstdisziplin.

Wonach fragen Gäste denn so?

Kurzfristige Dinner-Reservierung an einem Samstagabend in einem Top-Restaurant. Natürlich gibt es da offiziell kaum etwas, wenn der Gast selbst anruft. Hier muss der Concierge seine Verbindungen spielen lassen. Das Gleiche gilt bei Tickets für ausverkaufte Konzerte oder Sportevents. Entgegen der Meinung vieler Leute erfüllen wir als Concierges keine illegalen Wünsche. Wir sagen einem Gast sicher nicht, wo er Drogen kaufen kann oder bestellen ihm Prostituierte – was in New York ebenfalls verboten ist. Ansonsten nehme ich jede Herausforderung an, und meistens klappt es auch. Es ist eine Lebenseinstellung, immer das Beste zu geben. Ich liebe das an meinem Beruf. Wichtig ist es auch, sich gegenüber den Dienstleistern korrekt zu verhalten. Denn auch unser Ruf bei diesen Partnern, wie zum Beispiel Restaurants, ist sehr wichtig, um in diesem Geschäft zu bestehen. Diese Beziehung lebt vom gegenseitigen Respekt. Wir würden etwa keine zwei Reservierungen zur selben Zeit für denselben Gast machen, weil er dann ja logischerweise eine sausen lassen würde.

Was gefällt dir an deinem Hotel, dem New York Palace?

Was es für mich so besonders macht, ist seine Geschichte. Ich mag historische Gebäude. Mit dem Hotel kann ich mich auf besondere Art identifizieren, weil es ursprünglich 1184 von Henry Villard als die “Villard Mansion” in Auftrag gegeben wurde. Wie ich war Villard ein deutscher Einwanderer.

Du bist Deutsch-Amerikaner. Was rätst du deinen Landsleuten, die New York besuchen?

Ja, ich bin stolzer Deutsch-Amerikaner. Ich rate den Besuchern, plant gut und kommt mit der Erwartung, dass New York eine schöne Stadt, aber nicht jeder hier nett ist. Ich sage es ungern, aber leider ist es wahr.

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