Die New Yorker

Ich will es als Schauspieler in New York schaffen!

Rick Simmons zog vor drei Jahren nach New York, um seinen Traum zu verwirklichen: eine erfolgreiche Schauspielkarriere. Bisher war es nicht einfach für den 25-Jährigen, der aus einer Kleinstadt in Wisconsin stammt und in Chicago Schauspiel und Tanz studierte.

„Ich gehe mehrmals die Woche zum Vorsprechen. Bis jetzt bekam ich nur eine halbwegs vernünftige, kleine Sprechrolle in einer Folge der TV-Show ‚Blue Bloods’. Sonst gibt es nur Arbeit bei kleinen Independent-Filmen oder den Abschlussarbeiten von Filmschülern. Solche Rollen sind meist unbezahlt, man hat schon Glück, wenn man am Set verköstigt wird und das Fahrgeld erstattet bekommt. Das Publikum ist extrem klein. Der Film wird vielleicht mal auf einem Festival gezeigt, aber gelangt nicht in die Kinos oder ins Fernsehen. Der Karriere hilft es nicht so richtig, aber es ist besser als nichts, und ich hoffe immer, vielleicht doch einen wichtigen Kontakt zu knüpfen.“

So wie Rick geht es vielen der zehntausenden von Menschen, die nach New York kommen mit ihren Träumen von einer Karriere bei Film und Fernsehen im Gepäck. Richtige Arbeit in diesem Bereich gibt es nur für einen Bruchteil von ihnen, die Konkurrenz ist groß und ständig kommen neue Leute nach, die es versuchen.

Nur vom Schauspielern zu leben ist für fast alle ein Ding der Unmöglichkeit. Nach Aussagen der Gewerkschaft ‘Actors Equity Association’ beträgt das jährliche Durchschnittseinkommen ihrer Mitglieder aus der Schauspielerei 7.400 Dollar, also nur einen Bruchteil des selbst zum einfachsten Überleben notwendigen Verdiensts. Und das sind Leute, die schon ein Stück weit vorangekommen sind, denn in die Gewerkschaft aufgenommen zu werden ist schwer und begehrt, da Großproduktionen wegen der Macht der Gewerkschaft in der Film- und TV-Branche meist nur Mitglieder anheuern.

„Um über die Runden zu kommen, arbeite ich viermal die Woche in einem Restaurant. Die meisten Bedienungen dort sind auch Schauspieler. Wir helfen uns gegenseitig und tauschen Schichten, wenn jemand kurzfristig einen Termin zum Vorsprechen bekommt.“

Die Schauspielerei ist ein hartes Geschäft. Für jeden Johnny Depp oder Brad Pitt gibt es tausende Schauspieler, von denen ein breites Publikum nie etwas hören wird. Neben Los Angeles sind in den USA die meisten in New York. Die Suche nach Erfolg kann an die Substanz gehen. „Die ständige Ablehnung macht mir schon zu schaffen. Beim Vorsprechen geht es manchmal zu wie auf einem Viehmarkt“, sagt Rick, der sich mit drei anderen Schauspielern eine Wohnung teilt.

„Vor zwei Wochen war ich bei einem Casting für das Off-Off Broadway Theaterstück, also einer Produktion mit ganz geringem Budget. Es sollte um 10 Uhr vormittags losgehen, und schon ab 11 Uhr nachts kamen die ersten, um sich ihren Platz zu sichern, wurde mir erzählt. Als ich um 7.30 Uhr dort aufkreuzte, war ich der 634ste. Das weiß ich so genau, weil wir später Nummern bekamen. Es müssen mindestens 1.000 Leute gewesen sein. Dabei heißt Off-Off Broadway, dass vielleicht 50 Leute im Publikum sitzen und kaum etwas gezahlt wird. Es ist irre, Leute aus ganz Amerika kommen, um bei diesen Castings ihr Glück zu versuchen. Hinter mir war jemand aus Iowa, vor mir einer aus Oregon.“

Das Schauspielerleben gleicht oft einem Teufelskreis, aus dem Auszubrechen nur wenigen gelingt. „Um an begehrte, gut bezahlte Rollen zu kommen, braucht man einen Agenten. Die etablierten und seriösen Agenten wollen aber meist mit unbekannten Schauspielern nichts zu tun haben. Dann gibt es noch viele schmierige Blender im Geschäft, die nicht sind, was sie vorgeben, irgendetwas erzählen und hoffen, mit dir ins Bett hüpfen zu können, denn viele stehen auf Männer.“ Obwohl Rick mehr als hundert Agenten kontaktiert hat, hatte er noch keinen Erfolg.

„Manchmal frage ich mich schon, ob ich nicht meine Zeit verschwende. Aber die Hoffnung und der Traum, als erfolgreicher Schauspieler auf der Bühne oder vor der Kamera zu stehen, ist noch da. Andere haben es auch geschafft, sage ich mir immer wieder. Wenn sich aber in den nächsten zwei Jahren nichts Richtiges tut, dann war’s das, glaube ich.“

*Name auf Wunsch des Schauspielers geändert. Er wollte auch nicht auf Fotos erscheinen, da er negative Auswirkungen auf Rollenangebote fürchtete.

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