Eine Insel im schicken Chelsea

New York war immer schon eine Stadt gewaltiger Veränderungen. Gut sieht man dies, wenn man einmal einen kleinen Teil etwas genauer betrachtet. Ich mache das hier mit einer Ecke, in der ich selbst oft bin: den paar Blocks im westlichen Chelsea zwischen Ninth und Tenth Avenue und 15th und 19th Street.

Fulton Houses in Chelsea Foto: Gwen Huang
Die Fulton Houses in Chelsea – Foto: Gwen Huang

Erst einmal drehe ich die Uhr kräftig zurück bis in die frühen 60er Jahre. Das westliche Chelsea war damals vornehmlich ein Gewerbeviertel, das seine besten Zeiten hinter sich hatte. Über der Tenth Avenue verlief die „High Line“, eine in fast zehn Meter Höhe gebaute Güterbahntrasse, die seit den 30er Jahren Fleisch von den Piers in den benachbarten Meatpacking District lieferte. Auf der Ninth Avenue, an der Ecke 15th Street, stand die alte Nabisco-Keksfabrik, die die Produktion Jahre zuvor eingestellt hatte und nun als Lagergebäude diente. Gegenüber der alten Fabrik fand man 111 Eighth Avenue, eine gewaltige Gewerbeimmobilie, die der Hafenbehörde gehörte und ganze Schiffsladungen beherbergen konnte. Hier und da gab es auch einige Mietshäuser.

Auf der Ninth Avenue, der 16th Street und der 19th Street wurde 1962 mit dem Bau eines großen Komplexes von Sozialwohnungen begonnen, den Robert Fulton Houses, benannt nach dem Erfinder des Dampfschiffes. Die Anlage mit knapp 1.000 Apartments wurde 1965 fertiggestellt. Gebaut wurde genau hier, weil das Land in der zum Wohnen unattraktiven Gegend günstig zu haben war.

Ein paar Jahrzehnte dümpelte die Gegend so vor sich hin. In den 90er Jahren erreichte der Immobilienboom New Yorks dann aber West Chelsea mit voller Wucht. Die Kunst- und Schwulenszene zog hierher, das alte Gewerbeviertel wurde hip, die Mieten und Kaufpreise stiegen ins Astronomische. Jedes Jahr wurden neue Rekorde gebrochen – bis heute.

Heute beherbergt das Erdgeschoss der alten Keksfabrik die edle Halle des schicken Chelsea Market. Oben sind Büros von Kreativfirmen, wie Fernsehsendern und Werbeagenturen. Der Wert der Immobilie wird auf 800 Millionen Dollar geschätzt. Dahinter stehen die Jamestown Properties, die trotz ihres Namens eine  Immobilienfirma mit Hauptsitz in Köln sind und in die 70.000 deutsche Anleger ihr Geld investiert haben. Der durchschnittliche Preis für Eigentumswohnungen in dieser Gegend, die in Immobilieninseraten der „New York Times“ angeboten wurden, betrug letztes Jahr satte 1,3 Millionen Dollar. Die alte Gütertrasse wurde zum innovativen High Line Park umgewandelt, den 2016 unglaubliche 4,4 Millionen Leute besuchten. Das alte Port Authority Building wurde inzwischen von Google für 1,9 Milliarden (kein Schreibfehler) Dollar gekauft. Im Erdgeschoss ist das noble Designerhotel Dream Downtown angesiedelt, in dem normale Zimmer um die 500 Dollar pro Nacht kosten. Ringsum findet man die größte Ansammlung von Galerien auf der Welt und einige ultramoderne, von Stararchitekten entworfene Apartmentgebäude, deren Wohnungen zu den begehrtesten in ganz New York gehören.

Obwohl man nun mitten in dieser neuen, exklusiven Welt wohnt, fühlt man sich ihr in den Robert Fulton Houses nicht zugehörig. Der Sozialwohnungskomplex ist eine Insel, in der das Leben weitergeht wie immer, trotz aller Veränderungen.

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