So funktioniert New York

NYPD – Geschichte und Gegenwart des gewaltigen New Yorker Polizeiapparats

Foto – Eric Geller

Das New York Police Department (NYPD) ist ein so komplexes und manchmal widersprüchliches Gebilde wie die Stadt selbst. In mancher Hinsicht ist es schon ein Mythos, der das Bild New Yorks weltweit durch Film und TV mitgeprägt hat. 51.000 Menschen arbeiten für das NZPD, davon 34.000 uniformierte Kräfte.

Das NYPD ist in 76 Reviere und 300 Einheiten, die von Terrorismusbekämpfung bis zu berittener Polizei reichen, unterteilt und, inklusive Zivilangestellten, etwa 40.000 Männer und Frauen stark. Zum überwiegenden Teil sind das Streifenpolizisten, von denen 41 auf 10.000 Einwohner kommen, mehr als irgendwo sonst in den USA (im Landesdurchschnitt sind es 23). Zu jeder Stunde sind etwa 10.000 Beamte auf Patrouille. Gewaltige Zahlen, aber die Anfänge der riesigen Behörde waren bescheiden.

Um 1830 herum begann New York explosionsartig zu wachsen. Auch die Anzahl armer Einwanderer, die in Fabriken schufteten und – oft unter elenden Bedingungen – in Mietskasernen hausten, stieg stark. Die grassierende Armut, die vielen Animositäten zwischen verschiedenen Einwanderergruppen, das Bandentum und die weit verbreitete Trunksucht bildeten einen idealen Nährboden für Kriminalität und Krawalle. Raubüberfälle, Prostitution und Glücksspiel waren an der Tagesordnung und auch Morde waren keine Seltenheit. Ganz besonders betroffen hiervon waren die Hafengegend und das in der New Yorker Geschichte legendäre Five Points Slum. Es herrschte das Gefühl, dass die öffentliche Ordnung immer kurz vor dem totalen Zusammenbruch stand.

Was es zu dieser Zeit an Ordnungshütern gab, bestand aus von Politikern ernannten und ungelernten Personen, die eine Art Wachdienst verrichteten. Die Mitglieder dieser milizartigen Organisation bekamen kein Gehalt, sondern wurden nach einer bestimmten Gebührenordnung bezahlt: Für Leistungen wie „Durchführung einer Verhaftung“ oder „Erteilung einer Geldstrafe“ gab es bestimmte Summen. In den Augen vieler führte dieses System dazu, dass es den Ernannten wichtiger war, sich Provisionen zu verdienen und den Politikern gefällig zu sein, denen sie ihren Job verdankten, als wirklich für Recht und Ordnung zu sorgen. Angeregt durch das Beispiel Londons wurde um 1840 herum die erste Vollzeit beschäftigte und professionell ausgebildete Polizeitruppe ins Leben gerufen, die Verbrechen effektiv bekämpfen und ihnen vorbeugen sollte. Im Jahr 1845 wurde dann das NYPD offiziell gegründet. (Übrigens war eine der Aufgaben zu dieser Zeit, grabschändenden Medizinstudenten das Handwerk zu legen. Der Anfang der modernen Medizin führte zu einem großen Bedarf an Leichen zu Forschungszwecken, und Professoren verlangten diesen Dienst oft von ihren Studenten im Namen der Wissenschaft.)

Artikel zu New Yorks Polizeiautos über die Jahre

Über die nächsten Jahrzehnte wurde das NYPD zur modernsten Polizei Amerikas, und es gab immer wieder Neuerungen, die zu ihrer Zeit in den USA (und manchmal weltweit) bahnbrechend waren. Beispiele sind die 1923 eingeführten, mit Funk ausgestatteten Polizeiwagen, die 1927 gegründete Lufteinheit mit kleinen Flugzeugen oder die Notfallrettungseinheit von 1930. Heutzutage ist das NYPD ausgerüstet, wie man es sonst fast nur bei Armeen sieht. Im Arsenal findet man 2015 unter anderem hochmoderne Helikopter, Boote, die radioaktive Materialien aufspüren können und die neuesten Maschinenpistolen. Aber ebenso setzt man auf altbewährte Mittel: Man sieht in New York Polizisten auf Fahrrädern und Pferden, und um Bomben zu finden, werden neben elektronischen Spürgeräten auch Hunde eingesetzt – einige von ihnen übrigens aus Deutschland. Unter den neuesten technischen Errungenschaften, die das NYPD einsetzt, ist das „Domain Awareness System“: 7.000 Kameras, die Bilder an die Zentrale liefern, die dann bei Bedarf mit Gesichtserkennungssoftware ausgewertet werden können. Ein neuer Scanner kann an Strahlungen erkennen, ob jemand eine Waffe mit sich trägt. Das Sensorensystem „Shot Spotter“ kann Schüsse erfassen, auch wenn sie nicht von Bürgern gemeldet wurden, und zudem erkennen, von wo ein Schuss kam. Vor allem aus finanziellen, aber manchmal auch aus politischen oder rechtlichen Gründen, werden diese oft teuren Techniken meist nur punktuell eingesetzt.

Die Polizeisirenen – Artikel mit Tondateien

Geleitet wird das NYPD vom sogenannten Police Commissioner. Es ist ein politisches Amt, zu dem man vom Bürgermeister ernannt wird. Obwohl die Kandidaten fast immer sehr erfolgreiche Polizeikarrieren durchlaufen haben, sind sie als Commissioner keine Polizisten mehr, sondern Zivilisten. Der Commissioner ist in vielerlei Hinsicht aber das „Gesicht“ der Polizei. Laufend sieht man ihn (bislang gab es noch keine Frau in diesem Amt) in den Medien, und praktisch jeder New Yorker kennt ihn. Seit 2016 ist James O’Neill der Commissioner.

Police Commissioner James O’Neill – Foto ABC News

Eine der absoluten Prioritäten ist inzwischen die Bekämpfung des Terrorismus. Eine neue „anti-terrorism“-Einheit wurde vor ein paar Jahren ins Leben gerufen und mit einem jährlichen Budget von 200 Millionen Dollar ausgestattet. Hier ist das NYPD wohl eine der wenigen Polizeibehörden, wenn nicht gar die einzige, die auch eine Art Geheimdienstfunktion ausübt. Mitarbeiter wurden in anderen Ländern stationiert, um dort Informationen zu sammeln, die die Stadt vor terroristischen Übergriffen schützen sollen.

Die Arbeit des NYPD hat dazu beigetragen, dass New York mittlerweile die sicherste Metropole Amerikas ist. An der Frage, wie groß der Anteil der Behörde daran ist, scheiden sich die Geister. Die Kriminalität ging in den letzten 20 bis 25 Jahren in den meisten Großstädten Amerikas stark zurück, nicht nur in New York. Warum, kann niemand mit Sicherheit sagen, und bei den Akademikern gibt es verschiedene Theorien hierzu.

Tatsache ist: New York ist in puncto Kriminalität eine vollkommen andere Stadt als in den 70-er und 80-er Jahren. Ein paar Zahlen: In den 70-er Jahren gab es durchschnittlich um die 3.000 Morde pro Jahr, 1990 waren es noch über 2.200, im Jahr 2018 „nur noch“ 300- die wenigsten, seit es 1963 verlässliche Statistiken gibt. 1984 gingen 800.000 Anzeigen bei der Polizei ein, 30 Jahre später waren es nur noch ein Viertel davon.

Natürlich gibt es auch Problembereiche. Zum einen wäre da die Korruption im NYPD zu nennen. In den 60-ern und frühen 70-ern war sie auf dem Höhepunkt („Serpico“ mit Al Pacino und „Prince of the City“ sind zwei exzellente Filme zu diesem Thema). Deshalb wurde ein unabhängiger Ausschuss – der nach seinem vorstehenden Bundesrichter Whitman Knapp benannte Knapp Commission- damit beauftragt, die Korruption im NYPD zu untersuchen. Ihr Bericht von 1972 bestätigte, was die meisten New Yorker ohnehin schon wussten, politisch aber dennoch hoch explosiv war: Korruption war weit verbreitet und wurde von den Führungsetagen zumindest toleriert. Einige Beispiele werden im Bericht genannt: Korrupte Polizisten des NYPD, im Volksmund „dirty cops“ genannt, haben regelmäßig Schweigegelder von Betreibern illegaler Unternehmungen kassiert, konfiszierte Drogen weiterverkauft, Prostituierte um Geld und Sex erpresst. Um den Konkurrenten eines mit diesen Cops verbündeten Drogenhändlers auszuschalten, wurde der schon einmal verhaftet und der nötige Beweis von den Polizisten selbst fabriziert.

Es ist schwer, die Korruption heute zu beziffern. Die Anzahl der offiziellen Fälle, in denen gegen Beamte ermittelt wurde, ist verhältnismäßig gering. Da Korruption jedoch praktisch immer zwischen Polizisten und Gesetzesbrechern stattfindet, wird wahrscheinlich nur ein Bruchteil davon bekannt. Als Normalbürger bekommt man hiervon nichts mit. Nach Meinung vieler New Yorker, meine eingeschlossen, sind so gut wie alle Polizisten heutzutage ehrlich. Der Versuch, einen mit normalen Polizeiaufgaben betrauten Polizeibeamten zu bestechen, würde sehr wahrscheinlich mit einer Verhaftung – und möglichen Gefängnisstrafe – enden. Und anders als in anderen Ländern üblich, würde kein New Yorker auf die Idee kommen, einem ihm unbekannten Straßenpolizisten Geld anzubieten.

Was dem NYPD in den letzten Jahren vorgeworfen wird, ist das Schönen der Statistiken. Was eigentlich versuchter Mord sein sollte, wird zur gefährlichen Körperverletzung herabgestuft, Einbruch als „unerlaubtes Betreten“ verharmlost usw. Eine anonyme Befragung des Mulloy College von 2.000 NYPD-Ruheständlern bestätigte, dass dies Teil der Kultur in der Behörde ist (das NYPD bestreitet jedoch die Aussagekraft dieser Umfrage und behauptet, ihre Methodik sei fehlerhaft gewesen).

NYPD-Skandale gibt es heute genauso wie damals. Sie gehen in New York regelmäßig durch die Medien. So wurden etwa zwei Polizisten angeklagt, eine betrunkene Frau vergewaltigt zu haben. Und es kam ans Tageslicht, dass es in bestimmten Revieren üblich war bzw. ist, als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für gut bezahlte Überstunden Drogen bei Leuten zu „finden“, die gar keine bei sich hatten.

Bundesbehörden klagten NYPD-Cops in den letzten Jahren wegen Waffenschmuggels, dem Betreiben von Glücksspielautomaten und Zigarettenschmuggels zwischen den Bundesstaaten (ein Verbrechen in den USA) an. Ein neuerer Skandal ist das Verschwindenlassen von Strafzetteln in Millionenhöhe, vornehmlich denen von Familienangehörigen und Freunden.

Ein anderes Thema ist das Verhältnis des NYPD zu den verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Es gibt in New York oft eine ziemlich unterschiedliche Meinung zum NYPD, je nachdem, wen man fragt. Die meisten Weißen, wenn auch nicht alle, haben eine positive Einstellung der Behörde gegenüber. Ein Teil ist nahezu enthusiastisch und betrachtet die Polizeibeamten als Helden (und Heldentaten, bei denen Polizisten Menschen unter Einsatz von Leib und Leben helfen, gibt es auch). Schwarze und Hispanier dagegen haben oft weniger gute Erfahrungen mit dem NYPD gemacht, sie klagen über Diskriminierung und berichten von rassistischem Verhalten der Beamten. Auch die Undercover-, also „Zivil“-Aktivitäten des NYPD lösen oft Missfallen aus. Die Behörde unterwanderte politische Bewegungen wie Occupy Wall Street oder infiltrierte moslemische Institutionen, was Bürgerrechtler auf den Plan rief.

2007 starb der schwarze New Yorker Sean Bell durch Polizeibeamte in einem Kugelhagel von 50 Schüssen. Die Umstände konnten nie ganz geklärt werden. Die Polizisten gaben zu Protokoll, sie hätten geglaubt, Bell wolle sie mit einer Pistole angreifen, eine Waffe wurde aber nie gefunden. Obwohl niemand wirklich weiß, was damals passierte, und alle über dieselben Informationen zur Schießerei verfügen, nahmen viele Weiße an, dass die Polizeibeamten (die übrigens selbst Latinos und Schwarze waren) nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt hatten, während fast alle Schwarzen und viele der Latinos meinten, die Schüsse seien eine Überreaktion gewesen und einige von ihnen die beteiligten Polizisten sogar „Mörder“ nannten (die Beamten wurden später vor Gericht freigesprochen).

Trotz dieses Vorfalls und der Darstellung in vielen Krimiserien passiert es höchst selten, dass Polizisten Kriminelle erschießen oder selbst mit einer Pistole angegriffen werden. Polizisten, die in 20 Dienstjahren noch nie ihre Waffe benutzt haben, sind keine Seltenheit.

Ein weitere Problematik waren bis zum Amtsantritt De Blasios im Januar 2014 die „stop and frisk“-Aktionen, bei denen Bürger angehalten und einer Leibesvisitation unterzogen wurden. Der dazu nötige Grund ist nach Meinung der Betroffenen oft fadenscheinig. Hunderttausende solche „stop and frisks“ wurden unter Bürgermeister Bloomberg und Police Commissioner Kelly pro Jahr durchgeführt. 91 Prozent der Durchsuchten gehörten Minderheiten an, fast alle waren Schwarze oder Hispanier, und bei 88 Prozent von ihnen konnte keine illegale Aktivität ausgemacht werden (in diesem Kontext ist die Zusammensetzung des NYPD interessant: 50 Prozent Weiße, 18 Prozent Schwarze, 25 Prozent Hispanier und 7 Prozent Asiaten). Unter Commissioner Bratton wurden die „stop and frisk“-Aktionen eingestellt.

Ende 2014 kam es zu einem Eklat zwischen dem NYPD und Bürgermeister Bill De Blasio. De Blasio versprach bei seinem Wahlkampf, der Polizei genauer auf die Finger zu gucken und sich auch mit polizeikritischen Gruppen zu treffen, was er nach seinem Amtsantritt dann auch tatsächlich machte. Als ein Mann aus Baltimore kurz vor Weihnachten 2014 zwei ‘Cops‘ kaltblütig aus nächster Nähe niederstreckte, gab der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft, Pat Lynch, dem Bürgermeister Mitschuld. Mit seiner Politik habe De Blasio zu einem ‘Anti-Polizei’ Klima beigetragen und habe mit den Morden jetzt ‘Blut an seinen Händen’.

Das NYPD wird oft von Bürgern verklagt, meist mit Hilfe von Anwälten, die auf Erfolgsbasis arbeiten. Die Nachrichtenagentur Associated Press errechnete, dass zwischen 2000 und 2010 fast eine Milliarde Dollar an Entschädigungen gezahlt werden musste. Und seitdem ist es wohl nicht weniger, sondern eher mehr geworden.

Die riesige Organisation – übrigens mit einem Frauenanteil von circa 18 Prozent – hat ihren Preis. Das Budget der Behörde (Kosten für Pensionen nicht eingerechnet) beläuft sich auf rund 4 Milliarden Dollar – ein Großteil davon sind die Bezüge der Beamten. Der durchschnittliche Polizeibeamte des NYPD verdient um die 90.000 Dollar im Jahr, nachdem er etwa sechs Jahre zur Truppe gehört – ein Gehalt, von dem ein Großteil der arbeitenden Bevölkerung New Yorks nur träumen kann. Darin enthalten sind noch keine Vergütungen für Überstunden, durch die sich das Gehalt sogar noch um bis zu 20 oder gar 30 Prozent aufstocken lässt. Höhere Dienstgrade verdienen mehr. Es gibt exzellente Sozialleistungen und eine starke Gewerkschaft, die sicherstellt, dass Beamte nahezu nicht entlassen werden können, wenn sie nicht den sprichwörtlichen silbernen Löffel stehlen. Polizisten können nach nur 20 Dienstjahren in Rente gehen und erhalten dann 50 Prozent ihres ursprünglichen Einkommens steuerfrei für den Rest ihres Lebens. Daher gibt es durchaus einige „Rentner“ um die 40, die die Freiheit besitzen, andere Jobs zu machen (was sie auch tun, oft im Bereich Firmensicherheit). Bürgermeister Bloomberg wollte diese Pensionsregelung für zukünftig einzustellende Beamte abschaffen, da er meinte, dass sich die Stadt diese nicht mehr leisten könne. Sein Nachfolger De Blasio hat sich dem Thema noch nicht angenommen. Die Polizeigewerkschaft – wie könnte es anders sein – ist jedoch nicht einmal mit den gegenwärtigen Bezügen zufrieden und sagt, Polizisten im NYPD seien unterbezahlt im Vergleich zu anderen Städten in den USA.

Das NYPD- eine Polizeibehörde, die genau so komplex und manchmal widersprüchlich ist, wie die Stadt, der sie dient.

eny-image