Gesellschaft + Politik

Religion in New York

Prozession über die Brooklyn Bridge am Karfreitag. – Credit: Walter Moppner

In New York regiert der Mammon, an Religion hat hier kaum einer Interesse, geschweige denn Zeit – das ist ein gängiges Bild, das viele Menschen vom spirituellen Leben der Stadt haben. Wie so oft überrascht New York auch in dieser Hinsicht.

Dass sich in New York schon immer viel ums Geld gedreht hat, ist richtig. Eine Folge davon ist aber auch, dass in der Stadt praktisch immer Religionsfreiheit herrschte. Nicht irgendwelcher hehren Ideale wegen, sondern weil es besser fürs Geschäft war, jeden das glauben zu lassen, was er will. Es begann bereits, als New York 1624 von der holländischen West Indies Trading Company als Handelskolonie gegründet wurde. Um möglichst viele Siedler in das neue Städtchen zu locken, akzeptierte man jeden brauchbaren Kandidaten, egal, welcher Religion er angehörte. Dieser Geist religiöser Toleranz setzt sich im Prinzip bis in die Gegenwart fort

Heute ist die New Yorker Bevölkerung vielfältiger als jemals zuvor in der Geschichte der Stadt. Dies lässt sich auch an den unzähligen Religionen ablesen, die hier vertreten sind: Es gibt alle Arten christlicher Denominationen sowie jüdischer und islamischer Glaubensrichtungen, Buddhismus und Hinduismus, ja selbst so exotische Religionen wie Voodoo oder die Santería werden praktiziert.

Man sieht es schon auf den Straßen. Zum Beispiel, wenn man freitags Unmengen Taxis vor dem Islamic Center an der 96th Street parken sieht (viele Fahrer sind Muslime). Juden der Upper East Side, die samstags zur Synagoge gehen, gehören genauso zum Stadtbild wie die vielen Menschen in Harlem, die sich für den sonntäglichen christlichen Gottesdienst feingemacht haben.

Das übereinstimmende Ergebnis mehrerer Umfragen und Studien, die über die Jahre durchgeführt wurden, ist, dass sich gut 80 Prozent der New Yorker auf irgendeine Art einer Religion zugehörig fühlen. Davon sind schätzungsweise zwei Drittel Christen, um die 15 Prozent Juden und der Rest entfällt auf Muslime und andere Religionen.

Ein Moslem betet auf einer Strasse in Manhattan - Credit Kato Mullin
Ein Muslim betet auf einer Straße in Manhattan. – Credit: Kato Mullin

Das tatsächliche religiöse Engagement der einzelnen Menschen schwankt natürlich. So gibt es zum Beispiel bei den Juden solche, die lediglich die hohen Feiertage begehen und ein paarmal im Jahr die Synagoge besuchen. Bei den orthodoxen Juden hingegen ist jeder Lebensbereich vollkommen von den Gesetzen ihrer Religion reglementiert. Auch bei den anderen Religionen findet man die streng Gläubigen und die einfachen Anhänger der Religion, die es nicht so genau nehmen und wohl bei allen Glaubensrichtungen die Mehrheit darstellen.

Es überrascht erstmalige Besucher oft, wie viele Gotteshäuser in der Stadt zu finden sind. Es gibt über 1.600 nicht-katholische Kirchen (dazu gehören auch winzige Kirchen in Ladenlokalen, wie man sie in Harlem findet), über 350 katholische Kirchen, mehr als 300 Synagogen, circa 90 Moscheen, über 80 buddhistische Tempel sowie mehr als 60 Hindutempel. Dazu kommen noch Versammlungsorte für Religionen wie Vodoo oder die Santería, von denen aber nur die Eingeweihten wissen.

Wie überall in der westlichen Welt nimmt bei der gebildeten Oberschicht und den jungen Leuten die Religionszugehörigkeit und Gläubigkeit ab. So muss die Erzdiözese New York mehr und mehr katholische Kirchgemeinden schließen oder zusammenlegen. Andere Leute suchen jedoch angesichts einer oft verwirrend anmutenden Gesellschaft, in der sich bei vielen die wirtschaftliche Lage in den vergangenen Jahren verschlechtert hat, wieder Trost und Hilfe bei der Religion. Dieser Trend betrifft vor allem die lateinamerikanische Community, wo „evangelikal“ ausgerichtete Kirchen stark wachsen. Hier wird sehr emotional, sentimental und dramatisch gepredigt.

Mit Sicherheit ist und bleibt die Religion ein wichtiges Element der New Yorker Gesellschaft, genauso vielseitig und in Veränderung begriffen wie die Stadt selbst. 

 

eny-image