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In keiner Stadt der Welt leben mehr jüdische Menschen – Porträt einer New Yorker Bevölkerungsgruppe

Zwei Männer in Midtown Manhattan – Foto Sergio Attal

In keiner Stadt der Welt – auch denen in Israel – leben mehr jüdische Menschen als in New York. Man geht von weit über einer Million aus.

Die ersten Juden kamen 1654 aus der niederländischen Kolonie Recife nach New York, das damals noch New Amsterdam hieß. Sie bildeten die erste jüdische Gemeinde in Nordamerika. In den 1840-er Jahren gab es dann die erste große Einwanderungswelle. Die Ankömmlinge stammten vor allem aus Deutschland. Sie verließen ihre Heimat aus wirtschaftlicher Not, Verfolgung und auch einfach, weil sie sich im ‚Land der unbegrenzten Möglichkeiten’ ein besseres Leben erhofften.

Den größten Zustrom von Juden nach New York gab es dann in der Zeit von circa 1880 bis 1920. In dieser Welle kamen vorwiegend osteuropäische Einwanderer. Die jüdische Bevölkerung stieg von ungefähr 80.000 auf circa 1.5 Millionen an.

Die Lower East Side 1898

Noch in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bestritten die meisten New Yorker Juden ihren Lebensunterhalt als ungelernte Arbeiter. Typisch waren arme Familien, die in kleinen Wohnungen in sogenannten ‘Tenements’ lebten. Dies waren Wohngebäude, die schnell hochgezogen wurden, denkbar viele Leute behausen sollten, um einen möglichst hohen Profit abzuwerfen. Die Menchen lebten dort nicht nur unter Bedingungen, die heute wohl unvorstellbar sind, oft arbeiteten sie auch noch in den winzigen Räumlichkeiten.

Am meisten Tenements gab es auf der Lower East Side von Manhattan. Etwa eine halbe Million Juden, wie auch andere Einwanderer, lebten zeitweise dort. Die Bevölkerungsdichte erreichte bis zu 150.000 Menschen pro km2, fast fünf Mal soviel wie heute. (Zum Vergleich: Schwabing-West in München, eines der am dichtest besiedelsten Stadtviertel in Deutschland, kommt heute auf circa 15.000 Einwohner pro km2).

Foto eines Lower East Side Tenements. Es ist zwar aus dem Jahr 1980, aber viel hat sich seit dem Bau um 1900 nicht verändert – Foto Tenement Museum

Das einzigartige Tenement Museum auf der Lower East Side zeigt das Leben einer jüdischen Familie aus dieser Zeit, den Levines, auf denkbar anschauliche Weise – Besucher können nämlich in die Wohnung gehen, in der sie von 1892 bis 1905 wohnten, zuletzt mit fünf Kindern. Um die Familie zu ernähren, bauten sie eine Schneiderei in die winzigen Räumlichkeiten, in der sie Stückware produzierten. (Heute ist die Lower East Side übrigens ein teures Trendviertel).

Bis um 1930 herum hatte es ein großer Teil der New Yorker Juden aber geschafft, dieser Art von Leben zu entkommen, und verdienten sich ihren Lebensunterhalt als Geschäftstreibende, Büroangestellte und immer mehr auch in Berufen wie Anwalt oder Arzt.

Viele Künstler, Wissenschaftler, Geschäftsleute, Mediziner und andere Juden, die die Möglichkeit hatten, flohen dann in der Nazizeit aus Europa, vor allem aus Deutschland nach New York. Unter ihnen waren Albert Einstein, Stefan Zweig und Lion Feuchtwanger. Jüdische und andere deutsche Intellektuelle im Exil gründeten unter der Leitung von Thomas Mann 1936 ‘The American Guild for German Cultural Freedom’, um, wie es in der Satzung des Vereins geschrieben stand, ‘deutsche Kultur frei von rassischen und politischen Vorurteilen zu pflegen‘.

Stefan Zweig 1941 in New York – ein Jahr später beging er Selbstmord

Juden aus der Sowjetunion waren eine weitere Gruppe, die im 20. Jahrhundert in größerer Anzahl nach New York kam. Einige schafften es schon in den 1970-er Jahren, ein Ausreisevisum zu erlangen, und nach dem Zusammenbruch der UdSSR 1989 verließen über 1.5 Millionen Juden die Region. Die meisten gingen nach Israel, aber ein großer Teil kam in die USA. Viele von ihnen siedelten sich in Brighton Beach in Brooklyn an.

In Brighton Beach leben viele Juden mit Wurzeln in der früheren Sowjetunion – Foto Ed Dekker


Die drei wichtigen ‘Ströme‘ im Judentum, und wie sie sich in New York zeigen

Vereinfacht dargestellt gibt es drei wichtige Denominationen oder ‚Strömungen‘ im heutigen Judentum.

1-) Reformjudentum. Es versucht, die jüdischen Traditionen an die moderne Welt anzupassen, versteht sich als politisch fortschrittlich und sieht soziale Gerechtigkeit als wichtigen Wert. Wie sehr die religiösen Gesetzte eingehalten werden, ist eine persönliche Entscheidung.

2-) Konservatives Judentum. Es hält das Befolgen religiöser Gesetze prinzipiell für verpflichtend, obwohl es in der Praxis einiges an Bandbreite bei deren Interpretationen gibt, und wie sie eingehalten werden können.

3-) Orthodoxe Judentum. Hier wird das jüdische Recht, wie es von rabbinischen Autoritäten im Laufe der Jahrhunderte festgelegt wurde, streng eingehalten. Beispielsweise wird der Ruhetag Schabbat so streng befolgt, dass nicht einmal Lichtschalter betätigt werden dürfen. Es wird nur koscher gegessen und freie Zeit wird zum Großteil dem Studium religiöser Texte, vor allem der Torah, gewidmet. Orthodoxe Juden haben sich in Stadtvierteln wie Crown Heights, Borough Park, oder Williamsburg (alle in Brooklyn) eigene kleine Welten aufgebaut.

Das Reformjudentum war lange Zeit der Strom, zu dem sich die meisten New Yorker Juden zugehörig fühlten. Dies hat sich aber in den letzten Jahren erheblich geändert. Von den circa 1,5 Millionen Menschen jüdischen Glaubens im Großraum New York identifizieren sich heute circa eine halbe Million als Orthodoxe, je etwa 300.000 gehören dem Reform- und konservativen Judentum an. Etwa 400.000 fühlen sich keiner der Ströme zugehörig, was in der Praxis oft bedeutet, dass die Religion nur wenig ausgeübt wird.

Der klare Trend ist, dass die Anzahl an Juden, die sich Reform- und konservativem Judentum zugehörig fühlen, in New York sinkt. Der Anteil orthodoxer Juden steigt. Ein wichtiger Grund ist der Kinderreichtum bei den Orthodoxen (durchschnittlich 4.1 Kinder pro Familie).

Beitrag zur New Yorker Gesellschaft und bekannte New Yorker Juden

Woody Allen und Scarlett Johannson

Jüdische New Yorker tragen viel zum Flair und der Kultur der Stadt bei. So werden Worte aus dem Jiddischen wie ‘shlep‘ (scheppen) oder ‚schvitz‘ (schwitzen) auch von nicht-jüdischen New Yorkern benutzt. Ein New York ohne Bagels, einer jüdischen Erfindung, oder Leonard Bernstein’s West Side Store wäre undenkbar.

Viele amerikanische Juden mit starkem New York Bezug wurden weltweit bekannt, darunter Woody Allen, Bob Dylan, Dustin Hoffmann oder in neuerer Zeit Scarlett Johannson, die Beastie Boys oder die meisten Mitglieder der Ramones. Über Beiträge jüdischer New Yorker kannst du 2020 gespannt sein!

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