New York 360

Legendäre Stadtzeitung, die New York mitgeprägt hat, stellt nach 63 Jahren Erscheinen ein

In den 1950er Jahren begann sich in den USA eine Gegenkultur zu entwickeln. In der ersten Hälfte der Dekade entstand die Beatnik Literaturbewegung, geprägt von Autoren wie Jack Kerouac. Jazz hatte durch Musiker wie Miles Davis oder Charlie Parker einen seiner Höhepunkte und später in der Dekade eroberte der Rock’n’Roll das Land. Eines der Epizentren für all diese Kreativität war natürlich New York, und hier ganz besonders das Greenwich Village, ein Stadtteil im südlichen Manhattan und damals noch ein echtes Künstlerviertel. Die Journalisten Dan Wolf und Ed Fancher sowie Norman Mailer, der noch einer der wichtigsten amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts werden sollte, dachten sich, dass dies Szene ein eigenes ‘Mitteilungsorgan‘ brauchte. So wurde die Stadtteilzeitung Village Voice geboren.

Aus der Stadtteilzeitung wurde schnell eine New Yorker Stadtzeitung, die von Anfang an einen kompromisslos Anti-Establishment, sehr weit links im amerikanischen, politischen Spektrum einnahm, abseits des Mainstream. In den Kulturseiten interessierte man sich so besonders für alternative Künstler. Schon in den 50er Jahren erschien zum Beispiel eine Kolumne ‘Film Journal‘, in der der Autor Jonas Mekas viel über die Untergrundfilmszene berichtete. Die Village Voice war später eine der ersten Publikationen, die über interessante aber noch unbekannte Künstler wie Bob Dylan oder Jimi Hendrix berichtete, die auch selbst im ‘Village‘, wie man es einfach nannte, lebten.

Bekannt war die Voice auch für hochqualitativen, investigativen Journalismus. Zwei Giganten dieses Journalismusforums Waybe Barrett und Jack Newfield schrieben jahrelang für die Voice. Ihre Lieblingsthemen waren die Korruption der Mächtigen. Barret verfasste so schon 1977 einen wenig schmeichelhaften Bericht über einen gewissen Donald Trump, den man damals eigentlich nur als Sohn des Immobilientitanen Fred Trump kannte (hier Link zum Artikel). Natürlich machten sich die beiden da nicht nur Freunde. Unten ein Foto von Wayne Barret (links), als ihn der korrupte Politiker Ramon Velez, über den er berichtete, Prügel androht. Barett stellte das Bild eingerahmt auf seinen Schreibtisch.

Korrupter Politiker greift Wayne Barret (links) an – Foto Susan Ferguson

Newfield und Barrett stellten auch gerne Listen wie  ‚Die 10 schlimmsten Vermieter‘ oder ’Die 10 schlimmsten Richter’ zusammen. Auch Feministinnen, Schwule und Lesben hatten einen Platz bei der Voice. 1969 berichtet Susan Brownmiller über ihre Erfahrungen in einer illegalen Abtreibungsklinik in New York (Abtreibung war damals noch illegal). Die Voice unterstützte 1969 auch den Aufstand der Schwulen gegen Polizeirazzien in der Schwulenkneipe Stonwall Inn an der Christopher Street. Aus diesen Ereignissen ging später der Christopher Street Day oder Gay Pride Day, wie er hier heißt, hervor.

Genau so wichtig wie die Inhalte waren für die Leserschaft der Voice aber die Kleinanzeigen, die in der Zeit vor dem Internt eine Wichtigkeit hatten wie sie heute kaum noch vorstellbar ist. Alles, fanden die New Yorker in den ‘Classifiedsä wie sie hier heissen. Jobs, Partner oder Prostituiere (männlich und weiblich) fahrbare Untersätze, Möblel und was man sich sonst noch so vorstellen kann. Auch Musiker fanden und suchten sich und so manche bekannte Band hat ein Mitglied, dass sie über die Voice fanden, wie zum Bespiel Bbruce Springsteens E-Stret Band ihren Pianisten Roy Bittan. Auch die ‚Missed Connections‘ waren beliebt, die gingen ugefähr so ‚ U-Bahnhaltestelle Astor Place, Uptown Plattform, Du, circa 25, mittelnages blondes har, schwarz lackierte Fingernägel, rotes Pink Floyd T-Shirt, am Miitwoch gebegen 21.50 Uhr. Du hast zu mir rübergelächelt, aber ich habe mich nicht getraut dich anzusprechen, bitte melde dich Village Voice Fach 3443“ Der offizielle Erscheinungstag der Voice war Mittwoch, aber es war ein gewohntes Bild Menschen schon am Dienstag Nacht vor den Kiosken zu sehen, weil sie die ersten sein wollten die die Voice in die Hand bekamen, vor allem wegen der Wohungsangebot.

Nah der Glanzzeit der Voice von den 50er bis in die 90er Jahre begann für das Blatt der Abstieg. Warum geanu ist schwer zu sagen, aber irgendwie traf man nicht die richtigen Entscheidungen, um in der sich ständig ändernden Medienlandschaft, jetzt mit Internet, relevant zu bleiben. Die Auflage sank, von circa einer Viertel Millionen, auf nur noch um die 65.000. 1996 entschloss man sich dann das Blatt kostenlos zu machen (zuletzt kostete es einen Dollar). In den folgenden Jahren holte man verschieden Investoren an Bord, zuletzt dann den reichen New Yorker Peter Barbey , der nach seinem Einstieg 2015 noch verkündetet, alles Geld in die Hand nehmen zu wollen, dass nötig sei um die Voice zukunftsfähig zu machen. Stattdessen entliess er aber bald die Hälfte der Leute. Letztes Jahr dann die Entscheidung, gar keine Druckversion mehr anzubieten, was in der Meinung vieler, eigentlich schon der Tod der Voice war. Diesen Monat, wurde dann endgültig der Stecker gezogen und auch die Internetseite eingestellt. Ein ganz besonderes Stück der New Yorker Journalismusgeschichte ging damit zu Ende. Das Titelblatt der letzten gedruckten Ausgabe zeigte einem Foto von Bob Dylan aus dem Jahr 1965, mitten in der Glanzzeit der Voice.

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