Ministorys

Als grabraubende Medizinstudenten 1788 für tödliche Ausschreitungen sorgten

von Erol Inanc
Gründer New York Aktuell
27-05-2022

Zeitgenössische Darstellung

Im 18. Jahrhundert hatten Doktoren in Europa und Amerika einen schlechten Ruf. Der war nicht unverdient, denn der Berufsstand war voller Quacksalber, Scharlatane und Aufschneider, deren bevorzugtes „Heilmittel“ bei den meisten Krankheiten der Aderlass war.

Zugleich boomten die medizinische Forschung und Ausbildung, oder was man dafür hielt. Spät in dem Jahrhundert kam es so zu einem Engpass bei den Leichen, die zum Studium des menschlichen Körpers benötigt wurden. Dies resultierte in makaberen Aktivitäten. Medizinstudenten, oft angespornt von Professoren, die manchmal sogar dabei waren, schlichen sich nachts auf Friedhöfe und exhumierten die Körper kürzlich Verstorbener, um sie mitzunehmen. Das geschah auch in New York.

Im Schutz der Dunkelheit suchten die jungen Männer nach frisch aufgeschütteter Erde und anderen Anzeichen, dass an einer Stelle kürzlich eine Bestattung stattfand. Dabei mussten sie Ausschau nach Verwandten und Freunde der Verstorbenen halten, die Gräber oft tagelang nach der Bestattung bewachten, um Leichenraub zu verhindern.

Betroffen waren in New York vor allem der ‘African Burial Ground‘, ein Friedhof, in dem schwarze New Yorker ihre letzte Ruhe fanden (oder finden sollten) und ein angrenzendes Potter’s Field, wie man in Amerika ein Stück Land nennt, auf dem Menschen, für die sich niemand mehr interessierte, anonym begraben werden. Beide waren nur wenige Gehminuten vom Columbia College entfernt, der einzigen medizinischen Fakultät der Stadt, das sich am Park Place in der Nähe des heutigen Rathauses befand.

Als von dort nicht mehr genug Leichen zu bekommen waren, begannen verzweifelte Studenten Gräber von Bürgern der Mittel- und Oberschicht zu plündern, ein gefährliches Unterfangen, das zu den sogenannten ‘Doctor’s Riots‘ (Doktoraufruhr) führte. Eigentlich sollte er Anti-Doktrenaufruhr heißen, weil er gegen die Mediziner ausgerichtet war.

Ein 15 oder 16-jähriger Medizinstudent (die Ausbildung begann in diesem Alter) soll am 13. April 1788 einer Gruppe Kinder, die auf der Straße spielten, zur Begrüßung mit einem abgetrennten Arm zugewunken haben mit der von ihm als lustig empfundenen Bemerkung, dass er von einer der Mütter der Jungs stammte. Eines der Kinder, dessen Mutter tatsächlich gerade gestorben war, rannte demnach zu seinem Vater, einem Maurer, der den Sarg seiner Frau ausgrub und ihn leer vorfand. Wütend soll er seine Kollegen rekrutiert haben, die mit ihren Werkzeuge zum New York Hospital marschierten.

Ob sich der Vorfall wirklich so zugetragen hat, weiß niemand. Geschichtlich belegt sind jedoch die schweren Ausschreitungen wütender Bürger, gegen Grabräuber und wen sie dafür hielten an dem Tag und dem danach.

Ein Mob von mindestens 2.000 Menschen, eine gewaltige Menge zu dieser Zeit, marschierte zum Columbia College und dem angeschlossenen Krankenhaus. Einige brachen in die Sezierräume ein und zeigten den schockierten Bürgern draußen Leichenteile, die dann auf der Straße verbrannt wurden.

Am folgenden Tag machten sich Bewohner auf eine Haus-zu-Haus-Suche nach Ärzten und Studenten. Gouverneur George Clinton befahl seiner Miliz, die öffentliche Ordnung wiederherzustellen. Sie eröffneten mehrmals das Feuer auf die tobenden Bürger.

Es gab sechs dokumentierte Todesfälle,  aber es könnten Schätzungen zufolge bis zu zwanzig Menschen ums Leben gekommen sein. Hätte Bürgermeister James Duane nicht einige Ärzte und Studenten im Stadtgefängnis in Sicherheit gebracht, hätte es sicher noch mehr Opfer gegeben.

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