Gesellschaft + Politik

Das neue Harlem

Menschen auf der 125th Street, der Hauptstraße von Harlem – Foto Ed Stern

In New York gibt es seit den frühen 90-er Jahren einen kontinuierlichen Immobilienboom und fast jedes Jahr werden neue Rekorde gebrochen. Auch Harlem hat er voll erfasst und dort Veränderungen bewirkt, die viele in den 80-er Jahren noch für unmöglich gehalten hätten.

In ganz Harlem, dem bei weitem größten Stadtteil Manhattans, stellen heute die Afroamerikaner nicht mehr die Mehrheit der Bevölkerung dar, so Andrew Beveridge von der Forschungsgruppe Social Explorer (sie bilden aber immer noch die größte einzelne Gruppe). Ein Grund ist der starke Rückgang der Kriminalität. Eine Entwicklung, die vor vielleicht 25 Jahren begann und sich bis heute fortsetzt. Wie der Rest New Yorks wurde auch Harlem sicherer. Dies führte dazu, dass viele – auch viele Weiße und andere Nicht-Afroamerikaner – nun Wohnraum in Harlem suchen, für die dieser Stadtteil früher wohl kaum in Frage gekommen wäre.

Die Mieten und Immobilienpreise sind hier genauso wie im Rest der Stadt gestiegen, aber immer noch ein gutes Stück günstiger als in den südlicheren Teilen Manhattans. Unterm Strich bekommt man hier also mehr Platz für sein Geld, was weitere Interessenten anzieht.

Ein anderer Grund für die Verdrängung der angestammten schwarzen Bevölkerung ist der steigende Anteil der Hispanier, also von Migranten aus Mittel- und Südamerika und ihren Nachkommen. Hispanier gab es schon immer hier, nicht ohne Grund heißt ein Teil Harlems „Spanish Harlem“ oder „El Barrio“. Früher waren das vor allem Puerto Ricaner, mittlerweile wohnen hier auch viele Leute aus Mexiko, der Dominikanischen Republik und anderen spanischsprachigen Ländern. In der Politik sieht man die Entwicklung daran, dass manche schwarze Kongressabgeordnete, deren Wiederwahl lange praktisch garantiert war, nun bangen müssen, von einem Hispanier ersetzt zu werden. Charles Rangel, ein Schwarzer, der seit 45 Jahren Harlem im US Kongress vertritt, löste 1971 den ersten afro-amerikanischen Kongressabgeordneten Adam Clayton Powell ab, der die Belange Harlems 26 Jahre vertreten hatte. 2012 bekam Rangel das erste Mal ernsthafte Konkurrenz in den Vorwahlen innerhalb der demokratischen Partei, und zwar von Adriano Espaillat, einem New Yorker mit dominikanischen Wurzeln. Der damals 82-jährige Rangel gewann die Vorwahl und auch die nächste 2014, aber nur knapp und unter großen Anstrengungen. (Der Kandidat der demokratischen Partei hat den Kongresssitz von Harlem sicher, da Republikaner hier nicht nennenswert gewählt werden, weshalb die Vorwahl wichtiger als die eigentliche Wahl ist.) 2016 trat Wrangel dann ab. Er unterstützte den Afro-Amerikaner Keith Wright als seinen Nachfolger, aber Espaillat gewann den Sitz und Harlem wird nun von einem Amerikanier mit dominikanischen Wurzeln in Washington repräsentiert.

Die Wertsteigerungen für Brownstone Häuser, wie diese, war in den letzten Jahrzehnten immens – Foto Ed Stern

Der Anteil der Schwarzen, die in Harlem leben, hatte – nach Angaben der Volkszählung – im Jahr 1950 mit 341.000 seinen Höhepunkt erreicht und blieb die nächsten 20 Jahre mehr oder weniger konstant hoch, bei 64 Prozent. Danach führten die sozialen Probleme der 60er bis 80er Jahre – Drogen, Kriminalität, Armut – zu einem großen Bevölkerungsrückgang in Harlem überhaupt. Ab den 90er Jahren sank die Anzahl an Afroamerikanern infolge der Gentrifikation. Laut der Volkszählung 2010 lebten nur noch gut 153.000 Afroamerikaner hier, was gemäß dieser Erhebung 41 Prozent der Gesamtbevölkerung in Harlem ausmacht, die Hispanier brachten es auf 20 Prozent und die Weißen, eine relativ neue Gruppe, schon auf 11 Prozent. In Central Harlem, dem Kern des Stadtteils, sind der Erhebung zufolge 61 Prozent Afroamerikaner. Die genauen Zahlen weiß natürlich niemand – dass sie aber in der Tendenz stimmen, bezweifelt keiner, denn das wird schon klar, wenn man 2015 durch die Straßen Harlems geht.

Wie vollzog sich der Bevölkerungswandel in den vergangenen Jahren? Wurden die Leute einfach vertrieben?

In New York gibt es einen sehr guten Mieterschutz, und es ist es oft ganz schwierig bis unmöglich ist, Leute aus ihrer Wohnung zu werfen oder die Miete sehr stark zu erhöhen. Mieterhöhungen – auch drastische – sind aber leichter, wenn der Mieter wechselt. Wenn ein Mitglied der angestammten afroamerikanischen Bevölkerung wegzieht oder stirbt, wird die Wohnung dann nicht, wie es früher der Fall gewesen wäre, wieder an einen, oft sozial schwachen, Schwarzen vermietet – lange Zeit ja die einzigen Interessenten –, sondern eben an Weiße, Hispanier oder jemand aus den oberen Schichten der schwarzen Bevölkerung, von denen viele Harlem auch wieder für sich entdeckt haben. Allein die stetige Wiederholung dieses Szenarios führt schon über einen Zeitraum von acht oder zehn Jahren zu einem sichtbaren Wechsel in der Bevölkerung. Die Durchschnittsmiete bei neuen Mietverträgen in Harlem stieg in den letzten Jahren rasant und liegt nach einem Bericht der Immobilienfirma MNS im Juni 2018 bei 2.400 Dollar.
Auch gab es in Harlem enorm hohe Leerstände und verwahrloste, unbewohnte Objekte, da in den drogen- und kriminalitätsgeplagten 60er, 70er und 80er Jahren viele, die es sich irgendwie leisten konnten, den Stadtteil verließen. Einige Häuser waren auch niedergebrannt, oft von Eigentümern, die ihren Besitz durch Versicherungsbetrug liquidieren wollten. Heute sind diese Ruinen wertvolles Bauland.

Außerdem findet man in Harlem noch eine Reihe alter „Brownstones“, die für New York typischen Stadthäuser aus braunem Sandstein, die sehr begehrt sind und heute wieder mit viel Liebe renoviert werden.

„Es gibt eine Menge neuen und wieder instand gesetzten Wohnraum, was es den Menschen erlaubt, hierherzuziehen, ohne jemand anderen zu vertreiben“, sagt Laura Evans, eine Weiße, die im Jahr 2007 in ein Brownstone in Harlem gezogen ist, das sie selbst renovieren ließ.

„Ich lebe gerne hier“, erzählt Lisa. „In Harlem gibt es ein Gemeinschaftsgefühl, das ich in anderen Teilen New Yorks vermisse.“

Die Gefühle der angestammten schwarzen Einwohner hinsichtlich dieser Veränderungen sind gemischt. Der pensionierte Beamte Arthur Brown, 62, der ein Stadthaus in Harlem besitzt, begrüßt die demografische Entwicklung: „Ich denke, es ist großartig, jetzt so viele unterschiedliche Menschen hier zu haben. Außerdem ist es für die Immobilienwerte hier wichtig. Mein Haus ist heute mehr als zehnmal so viel wert wie noch im Jahr 1985, als sich alles im Niedergang befand und die Menschen Angst hatten, überhaupt nach Harlem zu kommen. Ich glaube, Harlem ist heute ein besserer Platz als früher – und das genau wegen der Integration.“

Der Schweizer Künstler Ugo Rondinone hat sich diese Kirche in Harlem gekauft – Foto Ed Stern

Andere sind weniger enthusiastisch, was die Änderungen angeht. „Harlem war ein Viertel für uns Schwarze, jetzt können es sich viele von uns nicht mehr leisten und es kommen kaum andere Schwarze nach. Ich habe schon Leute gehen sehen. Da gab es diesen alten Gentleman, Bobby Robinson, der hatte als erster Schwarzer hier ein eigenes Geschäft in der 125th Street – einen Plattenladen. Vor fünf Jahren musste er gehen, weil sein Vermieter einen Deal mit einer Ladenkette abgeschlossen hatte“, sagt Rosa Washington, 38, eine Lehrerin in einer der öffentlichen Schulen von New York City, die schon Zeit ihres Lebens in Harlem wohnt. „Die Alten sterben weg oder verlassen Harlem und viel Kultur und Geschichte geht verloren. Es wird auch viel Geld mit dem Harlem Image und dem weltweiten Interesse an unserem Stadtteil verdient. Angeblich soll das gut für die Wirtschaft hier sein. Ich merke bei mir davon nichts. Auch die ganzen neuen Läden und Restaurants bringen mir nichts.“

Es gibt auch Konflikte zwischen Neuankömmlingen und alteingesessenen „Harlemites“, wie Bewohner des Stadtteils heißen. Am nördlichen Ende des Central Park nervt das traditionelle stundenlange Trommeln im afrikanischen Stil an warmen Wochenenden die Bewohner eines neu errichteten Luxusapartmentgebäudes. In einer anderen Ecke zieht ein geplanter Liquor Store (Laden, der Wein und hochprozentigere Alkoholika verkaufen darf) den Unmut neuerer betuchter Bewohner auf sich. Der Unternehmer hat nämlich vor, seinen Laden im Stil des „alten Harlems“ zu bauen, das heißt der Verkäufer steht hinter schusssicherem Plexiglas, in dem sich eine Öffnung befindet, durch die hindurch Geld und Waren gereicht werden, dazu Stahlrollläden, grelle Werbeschilder und ein Sortiment, das auch den allerbilligsten Fusel vorhält. Vielen wäre eine hübsche Weinboutique lieber.

Andere wissen nicht, was sie von den Entwicklungen halten sollen. „Ob das alles gut ist oder nicht, weiß ich nicht. Vielleicht kann ich Ihnen das in zehn Jahren beantworten“, sagt Taxifahrer Leroy Wilson, der seit 27 Jahren in Harlem wohnt. „Von hier kamen der erste schwarze Bürgermeister und der erste schwarze Gouverneur. Ob wir noch Gewicht haben, wenn wir nur noch eine Gruppe unter mehreren sind, weiß ich nicht.“

Trotz dieser Veränderungen gibt es hier auch heute noch so viele und wichtige afroamerikanisch geprägte politische, religiöse und kulturelle Institutionen, einige mit Weltruf, wie sonst nirgends in den USA. Aber wird Harlem die „Capital of Black America“ bleiben, wie viele Bewohner es gerne nennen? Charles Rangel beantwortet diese Frage eines Reporters des TV-Senders NY 1 so: „In Sachen Geschichte, Kultur, Jazz und Kirchen ganz gewiss“ – ob das auch auf die Bevölkerung zutrifft, auf diese Frage geht der Politiker nicht ein.

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