Stadt des Wartens

In der Schlange stehen bei Shake Shack im Madison Square Park – Foto Edwin Craft

Warten ist ein unvermeidbarer Teil des Lebens im mit Menschen überfüllten New York. Auf was da manchmal so gewartet wird, finde ich oft interessant.

Starten wir unsere „Tour des Wartens“ bei der Shake Shack, der Kult-Hamburgerbude am Madison Square Park. Wer sich dort, besonders an einem warmen Tag, sein Mittagessen holen will, sollte am besten schon vor 11 Uhr dort sein oder zumindest auf der eigens eingerichteten Webcam nachsehen, wie die aktuelle Situation ist.

Ähnliches spielt sich in der Magnolia Bakery auf der Bleecker Street ab. Seit die Bäckerei durch eine Folge aus „Sex and the City“ weltberühmt wurde, gibt es hier Schlangen, die manchmal einen Block lang sind. Shake Shack und Magnolia haben ihren Erfolg auch prompt dazu genutzt, weitere Filialen zu eröffnen.

Obwohl es um die 200 Starbucks-Filialen in Manhattan gibt, ist auch dort Warten angesagt, besonders, wenn man morgens sein Lieblingsgetränk ergattern will. Das viele Starbucks-Kreationen 5 bis 7 Dollar kosten und man an der Bude um die Ecke einen Kaffee für 1 Dollar bekommt, hält die Starbucks-Fans nicht davon ab, geduldig in der Schlange zu stehen.

Aber Starbucks ist nicht die einzige Kette, die New Yorker zum Warten bringt. Der Bio-Supermarkt Whole Foods ist auch berühmt-berüchtigt für langes Warten und das, obwohl die Abfertigung extrem gut und fair organisiert ist. Den Kunden, die in mit verschiedenen Farben markierten Schlangen warten, wird über Bildschirme genau angezeigt, wann sie dran sind und zu welcher der 40 Kassen sie zu gehen haben. Sozusagen der neueste Stand der Wartetechnologie.

Die New Yorker sind erfahrene und überraschend disziplinierte Wartende. Natürlich gibt es aber gelegentliche Vordrängler. Ein Bericht in der „New York Times“ beschreibt einen Vorfall beim überaus erfolgreichen Lebensmitteldiscounter Trader Joe’s, der übrigens Aldi gehört. Hier versuchte ein Kunde, sich in eine 75 Menschen zählende Schlange „hineinzustehlen“, was einen Tumult auslöste. Solche Begebenheiten sind aber vergleichsweise selten und verlaufen für gewöhnlich friedlich. Manche Kunden, wie Michael Barbaro, sind das lange Warten leid und kaufen nicht mehr bei Trader Joe’s ein. „Mein Gott. Die Schlange scheint jedes Mal länger“, stöhnt er. (Trader Joe’s kann den Verlust von Michael verkraften, wie meine Einkaufserfahrung am Samstag zeigte. Trader Joe’s war wie immer brechend voll.)

Nicht nur zum Essen, auch für Kultur stellt man sich in New York an. Für begehrte Broadway-Shows stehen sich die Leute die Beine in den Bauch. Am Eindrucksvollsten kann man das am TKTS-Schalter am Times Square erleben, wo unverkaufte Tickets für Vorstellungen am gleichen Abend mit Rabatten um die 50 Prozent verkauft werden. TKTS öffnet um 15 Uhr, aber um vorne in der Schlange zu sein und die beste Auswahl zu haben, begeben sich viele Broadway-Fans schon um 13.30 Uhr oder noch früher dorthin.

Ja, New York mag die Stadt sein, die niemals schläft, aber mit Sicherheit ist sie auch die, wo immer jemand wartet.

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