Wirtschaft

Das ‘Lieferung innerhalb von 15 Minuten’ Konzept hat New York erreicht. Nicht jeder ist begeistert. Zwei deutsche Firmen mischen mit

von Erol Inanc
Gründer New York Aktuell
14-11-2021

Gorilla Auslieferer macht sich von einem Lagerzentrum auf der 14th Street auf den Weg zum Kunden – Foto Erol Inanc

Nachdem der Trend in Europa schon 2020 begann, gingen diesen Sommer auch in New York Dienste an den Start, die Lieferung von Lebensmitteln und anderen Artikeln des täglichen Gebrauchs innerhalb von 15 oder sogar 10 Minuten anbieten. Wie man schon an der Werbung sieht, die seit ein paar Monaten überall auftaucht, wird viel in den Sektor investiert. Unter den 5 oder 6 Firmen, die in kurzer Zeit an den Start gingen, sind zwei deutsche Unternehmen, JOKR und Gorilla.

Werbung von 15-20 einem der neuen Blitzlieferr

Der Mann hinter JOKR ist Ralf Wenzel, der Gründer von Foodpanda, einen Dienst, den er vor fünf Jahren an Delivery Hero verkaufte. Gorilla ist ein letztes Jahr in Berlin gegründetes Start-Up.

Im Mittelpunkt des ‚On-Demand‘ Liefermodells, wie es hier heißt, stehen shopartige Lager, ‘Hubs‘ genannt, die normalerweise zwischen 300 bis 400 qm groß sind und in denen man laut einer Pressemitteilung von JOKR um die 2000 Artikel bereithalten halten kann. Von den Hubs aus machen sich die Auslieferer auf E-Bikes auf den Weg zu den Kunden.  

In einem JOKR Hub wird eine Order zusammengestellt – Foto JOKR

Wie bei traditionellen Ladengeschäften gibt es auch bei ‘On-Demand‘ Modellen einiges an Aufwand und Problemen. Ultraeffiziente Logistik muss entwickelt und ständig verbessert werden. Das Aufbau des Hubsytems wird eine Herausforderung. Umso mehr Stadtfläche abgedeckt werden soll, umso mehr dieser Lagezentren werden gebraucht. JOKR rechnet beispielsweise damit, dass man letztendlich um die hundert Hubs in New York betreiben muss, um alle Einwohner zu erreichen. Im Moment hat die Firma weniger als zehn und ist nur in einigen der am dichtest besiedelten Vierteln der Stadt aktiv. Bei den anderen Anbietern scheint es derzeit ähnlich.

Auch die Anwerbung von Mitarbeitern, besonders den Auslieferern, könnte sich schwierig gestalten. Im Moment gibt es in New York einen solch großen Mangel an Arbeitskräften im Servicesektor, dass etwa Restaurants ihre Öffnungszeiten verkürzen. Wie es in der Zukunft aussehen wird, weiß niemand.

Besonders in sich hat es aber die Konkurrenzsituation. Nicht nur stehen die ‘On Demand‘ Firmen untereinander im Wettbewerb, sondern auch mit anderen Diensten. Seit einiger Zeit bieten beispielsweise die bekannten Essensauslieferer wie DoorDash und Uber Eats die Möglichkeit, Verbrauchsartikel über sie zu ordern. Amazon wird immer schneller und auch die großen Einzelhändler wie Walmart, CVS (Drogeriemärkte) oder Best Buy (Elektronik) liefern flott.

Der Mitbewerber, über den sich die On-Demand Firmen die meisten Sorgen machen müssen, könnte Instacart sein. Das Geschäftsmodell der Firma, die während der Pandemie zu einem Begriff in New York wurde, ist Auftragsshopping. Einkäufer gehen mit Ordern von Kunden in Läden und liefern die Waren dann dort hin. Das Zeitfenster für Lieferungen ist normalerweise 5 Stunden, aber mit Aufpreis geht es auch viel schneller, manchmal sogar innerhalb von 45 Minuten. Da man sich nicht auf Produkte in einem Lagerzentrum beschränken muss, haben die Kunden viel Auswahl.

Instacart kostet 3.99 USD pro normal schneller Lieferung. JOKR und die meisten anderen On-Demand Dienste setzen auf Service ohne Gebühr oder Mindestbestellungen. Gorilla wirbt mit ’10 Minutes or Less‘ und schlägt $1.80 pro Order auf. Amazon, Uber, Door Dash und Einzelhändler wie Walmart liefern je nachdem kostenlos oder mit geringen Gebühren.

Instacart Shopperin – Foto Jason Hawdry

Alle Firmen schreiben derzeit Verluste. Es gibt aber Investoren, die an eine große Zukunft des Sektors glauben. Gorilla und JOKR konnten Hunderte von Millionen USD an Investorengeldern einsammeln, bei den anderen Firmen dürfte es ähnlich sein.

Es ist anzunehmen, dass der mit Investorengeldern subventionierte, extrem bequeme Service, der mit Millionen von Dollar überall beworben wird, sich einigen Marktanteil schnappen wird. Ob die Zustellung von Lebensmittel, bei denen die Gewinnmargen schon immer niedrig waren und von Gebrauchsgütern wie Zahnpasta oder Kaffeefilter innerhalb von 10 – 20 Minuten den Einzelhandel so revolutioniert, wie die Firmen es sich erhoffen und ob damit viel Geld zu verdienen ist, bleibt abzuwarten. Wie viele Leute wollen ihre Artikel dann wirklich so schnell nach Hause gebracht? Wie viel können die Firmen auf die Preise aufschlagen und müssen nicht irgendwann (höhere) Liefergebühren und/oder Mindestbestellungen  eingeführt werden, wenn die Dienste einmal profitabel werden müssen. Wie werden die Kunden dann reagieren?

Wenn aber alles so laufen sollte, wie die Firmen es sich vorstellen, werden in der Zukunft Tausende zusätzliche E-Bikes durch die Stadt rasen. Nicht nur zusätzliche Verkehrsprobleme könnten daraus entstehen, sondern auch körperliche Gefahren für die Bürger. Schon jetzt jagen Tausende E-Bikes von den Essensauslieferer durch die Stadt und wer sich einmal 10 der 15 Minuten an eine Kreuzung in New York stellt, wird sehen, dass ein E-Bike, dass an einer roten Ampel hält mehr die Ausnahme als die Regel ist. Wenn Massen von zusätzlichen Fahrer unter großem Zeitdruck durch New York düsen, wird es sicher nicht besser.

Ein traditioneller Deli – Foto Shawn Hawke

In New York gibt es Tausende von Delis, Bodegas und kleinen Läden, in denen es die gebräuchlichsten Artikel gibt, vergleichbar mit ‘Spätis’ in Berlin, nur mit etwas mehr Sortiment. Sie werden praktisch ausnahmslos von Einwanderern betrieben, die lange Stunden in den Shops stehen. Besitzer und Kunden kennen sich oft. Welche Auswirkungen wird die plötzlich von außen auftauchende Konkurrenz, die tiefe Taschen hat und bis auf Weiteres nicht einmal einen Profit machen muss, auf diese Läden, die ein Stück New York sind, haben?

Wie sind die Folgen für die Umwelt? Ist es besser für den Planeten, wenn Artikel in kleinen Mengen durch unzählige E-Bikes, die geladen werden müssen, ausgeliefert werden, statt im Laden gekauft zu werden oder belastet es sie zusätzlich?

Dass die neuen Dienste vielen Menschen schon jetzt ein Dorn im Auge sind, sieht man daran, dass Politiker anfangen sich gegen die Blitzlieferer zu profilieren. Auch Gale Brewer, Borough President (Bezirksbürgermeisterin) von Manhattan glaubt, dass es mittlerweile zu weit getrieben wird. “Wer zum Teufel braucht einen Apfel in 15 Minuten? Wenn ich etwas so dringend haben muss, gehe ich runter zum Laden.”

Hat Euch der Artikel gefallen? Bitte unterstützt uns mit einem Like auf Facebook

New York Aktuell Newsletter

eny-image