Gesellschaft + Politik

Obdachlosigkeit in Zeiten von COVID-19

Foto – Stefan Kracki

02.10.2020 – Nach Schätzungen leben circa 60.000 bis 70.000 der ungefähr 8.5 Millionen New Yorker auf der Straße. Genau weiß es niemand.

Auch wenn es seit Ausbruch der Pandemie erheblich mehr sind, wie einige Leute glauben, ist schwer zu beurteilen. Sichtbarer sind sie auf jeden Fall, schon auch weil viel weniger andere Leute unterwegs sind. Die Obdachlosen, oder Homeless, wie sie hier heißen, haben dadurch auch mehr Platz als zuvor.

Beispielsweise gibt es in der U-Bahn seit Monaten nur einen Bruchteil des normalen Passagieraufkommens (mittlerweile wieder leicht steigend). Es ist nun einfacher, in den Bahnen zu leben und sich auf genügend Plätzen auszubreiten, um zu schlafen. Auch die leeren Läden in guten Geschäftslagen sind ein Faktor. Vor der Pandemie hätten Ladenbesitzer sofort die Polizei gerufen, wenn sich überhaupt ein Obdachloser hier niedergelassen hätte. Von sich aus vertreiben die Beamten nur selten Obdachlose. 

Gibt es in einer Stadt, die für viele Leute weltweit den herzlosen Großstadtdschungel symbolisiert, eigentlich Hilfsangebote für diese Menschen, oder sind sie auf sich allein gestellt?

Die Menge an Geld, die für Obdachlosenhilfe ausgegeben wird, überrascht. Das Budget der Stadt für das Jahr 2020 enthielt 3.2 Milliarden Dollar, um Menschen ohne Bleibe zu helfen – einer der größten Posten im Haushalt. Pro Person sind das über $50. 000 – mehr als viele Leute verdienen. Das federführende Amt ist das “Department of the Homeless.“

In New York gibt es ein ‚Right to Shelter‘ Gesetz. Es verpflichtet die Stadt, den Homeless Unterkünfte zur Verfügung zu stellen. Eine solche Verordnung ist etwas sehr seltenes in den USA. Vergleichbare Vorgaben gibt es nur in Washington D.C. und dem Staat Massachusetts.

2017 verkündete Bürgermeister de Blasio einen ehrgeizigen Plan, in den kommenden Jahren 90 neue Obdachlosenheime zu eröffnen. Diese Einrichtungen sollen sicherer und moderner als ältere Heime sein und den Menschen besser beim Übergang in ein geregelteres Leben zu helfen. Mittlerweile haben ungefähr 30 der Unterkünfte ihre Pforten geöffnet. Es fehlen aber Plätze und circa 13.000 Obdachlose werden in Hotels untergebracht, mittlerweile werden über 130 so genutzt. Der Stadt kann das pro Zimmer bis zu $6.000 monatlich kosten.

Bei den gewaltigen Mengen an Geld, die im Umlauf sind, kann man auch von einem gewissen Maß an Korruption ausgehen. Es gibt Leute, denen an einer Verbesserung der Situation gar nicht gelegen ist, da sie vom Status quo profitieren. Eine Interessengruppe sind die Betreiber von privaten Obdachlosenunterkünften, die der Stadt oft viel mehr in Rechnung stellen, als sie für ihre Zimmer auf dem normalen Markt bekommen könnten.

Die meisten Bürger würden wohl sagen, dass sie Mitgefühl mit den Homeless haben, eine Unterkunft für Obdachlose will aber kaum jemand bei sich im Viertel. Das sieht an auf der Upper West Side von Manhattan eine der besten Wohngegenden New Yorks. Anfang September fing die Stadt damit an, gut 280 Obdachlose in drei Hotels in der Gegend unterzubringen, dem Lucerne, Belleclaire und dem Belnord. Bürger liefen Sturm und die Homeless mussten nach einigen Wochen aus dem Lucerne ausziehen. Es wird versucht, sie auch aus den anderen Hotels zu bekommen. Es gibt Pro-Obdachlosengruppen, die für die Homeless vor Gericht streiten.

Das Hotel Lucerne – Foto Flickr

Dass man die Homeless nicht unbedingt im Nachbarhaus haben will, ist nachvollziehbar. Fast alle Obdachlosen kämpfen mit psychischen Erkrankungen und Suchtproblemen, die fast immer auch eine Rolle bei ihrem Abrutsch spielten. Manche haben auch eine kriminelle Vergangenheit. Viel mehr Menschen landen auch aus diesen Gründen auf der Straße als aufgrund wirtschaftlicher Probleme, sonst würde es statt 60.000 Obdachlosen 600.000 geben.

Trotz aller Schwierigkeiten sind Erfolge zu verzeichnen. Dem Department of the Homeless zufolge konnte man in den letzten sechs Jahren mehr als 120.000 Menschen zu festen Unterkünften verhelfen. Natürlich kommen stets neue Obdachlose nach und es wird hier, wie auch in anderen Großstädten der Welt, leider immer Menschen ohne eigenes Zuhause geben.

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