
Die 1980er und frühen 1990er-Jahre war die Ära der Fahrradkuriere in New York. Sie lieferten wichtige Sendungen aus, die innerhalb kürzester Zeit zu ihrem Empfänger gelangen mussten. Dinge wie Verträge, Baupläne, Muster und Sachen, die von Kunden dringend abgesegnet oder unterschrieben werden mussten, z. B. Entwürfe für teure Printwerbung, bevor sie in den Druck ging. In den letzten Jahren dieser Zeit kamen auch Datenträger wie Disketten oder ZIP-Drives dazu. Fast alle Lieferungen erfolgten zwischen Firmen in Manhattan. Privataufträge waren die Ausnahme.

Anfang der 1990er-Jahre lebte der Fotograf John Harris in Harlem und hatte einen Halbtagsjob in der Filmabteilung des Museum of Modern Art. Die Bezahlung reichte nicht für seinen Lebensunterhalt und er entschloss sich zusätzlich als Fahrradkurier zu arbeiten. Er nutzte diese Gelegenheit, um seine Kollegen zu fotografieren und ihre Geschichten in seiner Serie „Still Passing By“ zu erzählen.


„Auf dem Weg zu einer Zustellung (Drop-off) rief man die Zentrale vom öffentlichen Telefon an und hoffte, dass in der Zwischenzeit jemand eine weitere Abholung (Pick-up) geordert hatte. Ein guter Fluss von Drop-Offs und Pick-Ups war wichtig, um möglichst viel zu verdienen. Vor allem musste man schnell sein.” – John Harris

„New York City in den 1990ern war rauer und gewalttätiger als heute. Ich bin überall mit dem Fahrrad hingefahren und habe mir die Einstellung zu eigen gemacht, dass die Straßen uns genauso gehören wie allen anderen.“ – John Harris

„Ich habe mit den Fotos angefangen, indem ich Radkuriere an roten Ampeln anhielt und Porträts auf der Straße machte. Mit der Zeit fotografierte ich dann Action-Szenen und Rennen, die sich die Kuriere lieferten, wobei ich freihändig fuhr, um mit meinen Händen Kameraeinstellungen vorzunehmen“. – John Harris

„Ich spürte den Hass, den viele Autofahrer uns Fahrradkurieren entgegenbrachten an der eigenen Haut. Um ehrlich zu sein, muss sich sagen, dass wir nicht immer die angenehmsten Verkehrsteilnehmer waren, den es kam uns auf jede Sekunde an” – John Harris

„Unfälle waren häufig. Ich fotografierte mehrere Mahnwachen und Gedenkveranstaltungen für Kollegen, die bei der Arbeit ums Leben kamen. Allein 1990 starben 40 Fahrradkuriere.“

„Man war auf sich allein gestellt, musste Wind und Wetter trotzen, schnell durch die Stadt kommen, Abkürzungen kennen und sich behaupten. In unseren Rängen gab Jungs, die es als Sport sahen, Sonderlinge, Draufgänger. Wenn ich Jungs schreibe, meine ich das. Dene Frauen waren in der Branche praktisch unbekannt.“ – John Harris


