Storys aus der Wirtschaft

Die TV- und Filmindustrie als Wirtschaftsbranche

TV Star Mariska Hartigay (links) beim Dreh von Law and Order – Special Victims Unit auf den Straßen von New York -Foto Bill Allen

In wohl keiner Stadt der Welt spielen mehr Filme und TV-Serien als in New York – von „Der Pate” bis „Sex and the City“ wurden hier über die Jahrzehnte tausende Projekte verwirklicht. Man kann kaum einen Abend fernschauen oder ein paar Mal ins Kino gehen, ohne irgendwo New York zu sehen. Es geht aber nicht nur um Unterhaltung, Film- und TV-Produktionen sind auch ein wichtiger Wirtschaftszweig der Stadt.

Circa 130.000 New Yorker sind auf irgendeine Art in der Film- und Fernsehbranche beschäftigt: von Kameraleuten über Fahrer bis hin zu Stylisten. Die gezahlten Löhne und Honorare bewegen sich nach Angabe des Mayor’s Office (Bürgermeisteramts) in einer Größenordnung von 5 Milliarden Dollar pro Jahr. Auch andere Wirtschaftszweige profitieren, etwa Verleiher von technischen und anderen Ausrüstungsgegenständen oder Cateringfirmen, die die Filmcrews mit Essen versorgen. Und letztendlich auch der Tourismus, weil die hier produzierten Filme und Sendungen Menschen auf der ganzen Welt Lust machen, New York zu besuchen.

Noch in den 90er Jahren wurde die Stadt von vielen Produzenten boykottiert, da man sie als zu bürokratisch und teuer empfand. Als New-York-Kulisse mussten dann Städte wie Toronto und Pittsburgh herhalten, die Straßenzüge aufweisen, die denen in New York stark ähneln. Selbst in Budapester Studios stehen „New Yorker Straßenzüge“ für Drehs bereit.

Das Blatt hat sich gewendet, und in den vergangenen Jahren wurde extrem viel auf den Straßen und in den New Yorker Studios gedreht. Die Branche boomt. Dies mussten sich Staat und Stadt aber auch teuer erkaufen. Das wichtigste Fördermittel sind spezielle Steuererleichterungen, die es seit 2004 gibt und die bis zu 35 Prozent des Budgets eines Projekts betragen können. Bei Versuchen, diese zu reduzieren, drohen die Film- und TV-Firmen sofort, die Produktionsarbeiten auszulagern und nur das Allernötigste vor Ort zu drehen. Zudem wurde die Erteilung von Drehgenehmigungen stark erleichtert und ein eigenes Amt für Filmangelegenheiten geschaffen.

Im Jahr 2018 wurden über 200 Filme hier gedreht- mehr als je zuvor! Auch dieses Jahr sieht man Großproduktionen in der Stadt, unter anderem „Avengers 4“ und „Spiderman: Far from home“. Auch die TV-Produktion boomt, 30 Serien wurden letztes Jahr in New York gedreht, unter anderem „Gotham“, über die jungen Jahre von Bruce Wayne alias Batman, und gleich vier Serien mit Charakteren von Marvel Comics im Zentrum: Daredevil, Luke Cage, Iron Fist und Jessica Jones, sowie lang laufende Krimiserien wie Law and Order: SVU, Blue Bloods und Elementary.

Die Studios expandieren. So will zum Beispiel der größte Produktionskomplex der Stadt, die Silvercup Studios in Queens, in den nächsten Jahren hunderte Millionen Dollar für neue Anlagen ausgeben. 2018 gab es 31.000 „on location shooting days“, also Tage, wo bei einem Projekt in der Stadt selbst – und nicht im Studio – gefilmt wurde. Wer weiß, vielleicht haben Sie ja Glück und sehen einen Shoot mit Ihrem Lieblingsstar, wenn Sie den Big Apple besuchen.

 

Krysten Ritter dreht Jessica Jones – Foto Bill Allen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dies hat zur Folge, dass es für die in der Branche etablierten Arbeiter mehr denn je Beschäftigungsmöglichkeiten gibt. Manchmal gibt es sogar so viel Angebote, dass die Profis unter verschiedenen Projekten wählen können, was früher unvorstellbar gewesen wäre. Einen solchen Profistatus zu erreichen, schaffen aber nur die wenigsten. Eine Hürde sind schon die „Unions“, die Gewerkschaften. Sie sind in der Branche so mächtig, dass größere, gut finanzierte Projekte nur mit ihnen durchgeführt werden können. Hier hineinzukommen ist extrem schwierig. Man braucht erst einmal sehr viel Erfahrung (die schwer zu bekommen ist, wenn man eben nicht in der Gewerkschaft ist), aber genau so wichtig ist es nach Aussage vieler, die richtigen Leute zu kennen oder, besser noch, mit ihnen verwandt zu sein. Die Gewerkschaften sind ein kleiner, aber feiner Club. (Die wichtigste Gewerkschaft Local 52 hat nur knapp 4.000 Mitglieder.) Alle Spitzenleute gehören dazu.

Bei den allermeisten Menschen, die im Film- und TV-Geschäft mitmischen (wollen), sieht die Lage aber komplett anders aus als bei den Union-Mitgliedern, und tatsächlich gelingt nur einem verschwindend kleinen Teil der Einstieg in den Traumberuf. Die Stadt wimmelt von ehrgeizigen Menschen aus der ganzen Welt, die Schauspieler werden, Drehbücher schreiben, Regie führen oder den Stars das Make-Up auftragen wollen, und täglich kommen neue dazu. Ab und zu fällt ein Job für sie ab, in den diversen, meist schlecht finanzierten Kleinprojekten. Geld gibt es wenig, oft gar keins.

Aber auch bei den Gewerkschaftsleuten grassiert die Angst, dass der Boom wieder zu Ende gehen könnte und man dann, wie früher so oft, auf den erlösenden Anruf mit einem Jobangebot warten muss, denn auch heute wird nur eine Minderheit von Projekten zum Erfolg. Die meisten TV-Shows schaffen es nicht, sich im Programm zu etablieren, für jede Erfolgsserie wie „Law and Order“ gibt es eine Vielzahl von Versuchen, die schon bald wieder sang- und klanglos aus dem Programm verschwinden. Die ersten Wochen sind hier übrigens meist entscheidend, weshalb auch so viel Geld in die Werbung vor dem und zum Sendestart gesteckt wird. Je nachdem, wie man es berechnet, machen auch die meisten Filme ein Minus. Im Moment hält aber die schiere Masse an Projekten alles am Laufen. Geld für neue Produktionen gibt es dennoch scheinbar immer irgendwie, sicher auch, weil die Branche so glamourös ist, dass viele Leute dort mitmischen wollen, auch wenn es unterm Strich einen Verlust bedeutet.

Mit oder ohne Boom – eines ist sicher: Auch weiterhin wird viel von der aufregendsten Stadt der Welt auf den Bildschirmen und Leinwänden weltweit zu sehen sein.

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