Die New Yorker

So lebt es sich mit Behinderung in New York

Foto Hiroko Suko – NY Times

Schätzungen zufolge haben ein Fünftel der 8,5 Millionen New Yorker eine Behinderung. Bei einem Drittel verursacht sie Probleme bei der Mobilität. Fast hunderttausend Menschen sitzen im Rollstuhl.

1990 unterzeichnete Präsident Bush das ‘Americans With Disabilities Act‘ Gesetz. Im Prinzip besagt es, dass alle öffentlichen Orte für Behinderte zugänglich sein müssen (Öffentliche Orte sind hier alle Plätze, die jedermann besuchen kann, also auch Geschäfte, Theater, Restaurants usw.). Seitdem hat sich viel getan.

Staatliche Gebäude und Neubauten sind fast komplett barrierefrei. Die meisten der 162.000 Straßenkreuzungen haben Rampen oder behindertengerechte Bordsteinkanten.

Foto Flickr

Die Metropolitan Transit Authority (MTA), die die öffentlichen Verkehrsmittel betreibt, hat ein Viertel der 462 U-Bahn-Stationen mit Aufzügen ausgestattet. Sie plant, in den nächsten fünf Jahren weitere 50 weitere Stationen mit Aufzügen auszurüsten (Übrigens zu den unglaublichen Kosten von 5.5 Milliarden Dollar).

Die MTA verfügt über 4300 barrierefreie Busse, die größte solche Flotte auf der Welt. Sie betreibt auch Access-A-Ride – ein Service, der behinderten Menschen ‘Tür zu Tür‘ Transport in Kleinbussen bietet.

Viele der Yellow Cabs sind rollstuhlgerecht. Im Gegensatz zu normalen Taxen können sie telefonisch bestellt werden. Kürzlich hat der Fahrdienst Uber den UberWAV Service gestartet. Nutzer können hier barrierefreie Fahrzeuge anfordern.

Trotz all dieser Initiativen bleibt das Leben für Behinderte in New York schwierig.

Auch heute gibt es noch viele kleinere, alte Mietshäuser, sogenannte Tenements. Die Tenements wurden meist Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut und haben keine Aufzüge. Sie müssen nur dann mit Lifts nachgerüstet werden, wenn sie mindestens 5 Stockwerke haben. Viele sind niedriger. Wenn ein behinderter Mensch dort einen Freund besuchen will, kann er das, wenn überhaupt, meist nur mit großen Schwierigkeiten.

Ein altes Tenement Building – Foto Tenement Museum

Obwohl es an fast allen Kreuzungen behindertengerechte Rampen oder Einschnitte im Gehweg gibt, ermöglichen sie die Straßenüberquerung nicht immer.

“Viele der Stellen, die für Rollstühle gedacht sind, haben so große Risse oder Löcher, dass man hängenbleiben kann”, erklärt uns Kathy Gomez, eine 34-jährige Anwältin und Rollstuhlfahrerin. “Auch die Bürgersteige selbst sind meist in solch schlechtem Zustand, dass es oft schwer ist, sich mit dem Rollstuhl fortzubewegen.”

Bordsteine werden oft zum Problem – Foto Melissa Chamberlain

Lucas Becker, ein 57-jähriger Architekt und Rollstuhlfahrer beklagt sich über andere Probleme, sich in der Stadt fortzubewegen. “Im Winter schieben die Räumfahrzeuge, den Schnee zur Seite, neben dem Bürgersteig. Das wird für uns oft zu einer unüberwindlichen Mauer. Auch wirst du an Baustellen oft vom Bürgersteig wegdirigiert und musst dich dann meistens durch einen engen Behelfsweg zwängen.”

Nur gut 120 der 472 U-Bahn-Stationen haben Aufzüge. Einer Studie des Rudin Center for Transportation Policy and Management, Teil der New York University, nach gibt es bei den Aufzügen durchschnittlich einmal in der Woche Betriebsprobleme.

Dustin Jones, Rollstuhlfahrer und Behindertenaktivist am ‘Center for Independence of the Disabled” wohnt um die Ecke der 149th Street U-Bahn-Station in der Bronx, aber kann sie nicht nutzen, weil es keinen Aufzug gibt. Zu seinem Büro am Union Square in Manhattan würde ein Nichtbehinderter eine halbe Stunde brauchen, bei ihm kann es aber drei Mal so lange dauern. “Erst muss ich einen Bus sieben Haltestellen zur Hunts Point U-Bahn-Station nehmen, die einen Aufzug hat. Da steige ich in die Linie 6 zur 125th Street und wechsle in den 4 oder 5 Express, um etwas Zeit aufzuholen. An der Grand Central Station nehme ich wieder die 6 weil der Express nicht an der 23rd Street hält, aber da muss ich hin, um einen Bus zum Union Square zu erwischen.”

Behindertenaktivist Dustin Jones – Foto Center for Independence of the Disabled

Access-A-Ride, der ‚Tür zu Tür’ Service im Kleinbus, klingt wie eine gute Option, um von A nach B zu kommen, aber auch dieser Service kann frustrierend sein. “Man muss die Fahrt mindesten 24 Stunden vorher arrangieren. Oft kommen sie zu spät. Es sind mehrere Leute im Bus, die alle an verschiedene Orte auf der Route müssen, und es kann so sehr lange dauern. Wenigstens kostet es nur so viel wie eine U-Bahn Fahrt ($ 2,75 $)”, so Leroy Gilbert, ein Diabetiker, dem ein Bein amputiert wurde.

Neben der Mobilität gibt es weitere Herausforderungen für behinderte Menschen.

“Wenn Nichtbehinderte den Begriff Barrierefreiheit hören, denken sie fast immer nur an Rampen und Aufzüge”, so Robyn Powell, Behindertenanwältin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lurie Institute for Disability Policy an der Brandeis University. “Die meisten Menschen mit Behinderungen benutzen jedoch keine Rollstühle. Inklusion von Behinderten geht viel weiter. Wir brauchen Gebärdensprachdolmetscher, Braille-Schilder, abgesenkte Tische. Es reicht auch nicht irgendwo reinzukommen. Zum Beispiel ist ein Geschäft mit einer Rampe für Rollstuhlfahrer immer noch unzugänglich, wenn ich nicht den Gang runterkomme.”

Das Verhalten Nichtbehinderter kann auch zum Problem werden. “Die meisten Leute sind nett und hilfsbereit, aber viele verhalten sich rücksichtslos, und merken es meist nicht einmal. Manchmal gibt es auch Leute, die mich spüren lassen, dass ich im Weg bin. Dann bekomme ich komische Blicke. Ein paar Mal wurde mir sogar gesagt: ‘Warum bleibst du nicht daheim’.”

Frau mit Service Hund in der U-Bahn

Auch eine Arbeitsstelle zu finden, kann eine große Herausforderung werden. “Nur 20% der behinderten New Yorker haben einen Job”, so Ramakrishna Kadukuntla vom Project Open House, einer Initiative der Stadt New York, die Behinderten hilft, Arbeitsplätze zu finden. “Wir wollen auch keine Beschäftigungstherapie, sondern echte Jobs mit echtem Lohn.”

Während sich das Leben in der Stadt für behinderte New Yorker oft schwierig gestaltet, wird ein Besucher, der das klassische Besucherprogramm absolvieren will, recht wenig Probleme haben. Die Airports sind barrierefrei, und es gibt dort spezielle Helfer für behinderte Menschen. Die meisten Hotels sind zugänglich, und praktisch alle der gängigen Aktivitäten sind möglich: Museen, Broadway, Aussichtsplattformen, alle Arten von Touren, auch die Brooklyn Bridge kann mit einem Rollstuhl überquert werden.

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