Gesellschaft + Politik

Die New Yorker Mittelklasse – oft unzufrieden und unter Druck

New Yorker demonstrieren für den Erhalt von Arbeitsplätzen im ‘Garment District’ – dem Zentrum der Bekleidungsindustrie in Manhattan – Foto Ed Kuepper

Es gibt einen alten Spruch: „Am besten lebst du in New York, wenn du jung und arm oder alt und reich bist, sonst bist du woanders besser aufgehoben.“ Nicht oft in der Geschichte New Yorks traf dies mehr zu als heute, wo die Mittelschicht immer stärker unter Druck gerät.

Eine Umfrage unter 1.500 New Yorkern, die die ‚not for profit‘-Organisation Public Agenda und die Radiostation WNYC (vergleichbar mit öffentlich-rechtlichen Sendern) durchführten, bestätigt dies. 90 Prozent halten hohe Wohn- und Lebenshaltungskosten für ernste Probleme. Dass es zu wenige anständige Jobs gibt, empfinden 79 Prozent. 73 Prozent der New Yorker sind der Meinung, dass es mehr wirtschaftliche Unsicherheit gibt, als je zuvor.

Dabei verdienen viele Menschen aus der New Yorker Mittelschicht durchaus gute Gehälter. Statistiken zufolge verfügen über 10 Prozent der Haushalte im Großraum New York sogar über ein Einkommen von mehr als 200.000 Dollar im Jahr. Aber das Geld hat in der teuersten Stadt Amerikas nicht so viel Kaufkraft wie anderswo in den USA. Nach Berechnungen der Denkfabrik Center for an Urban Future bräuchte man in Manhattan ein jährliches Einkommen von 123.000 Dollar, um den gleichen Lebensstandard zu haben wie etwa in Houston für 50.000 Dollar. Selbst in Queens müsste man dazu noch 86.000 Dollar berappen.

All dies bewegt einige Leute dazu, die Stadt zu verlassen. Unter ihnen die Lehrerin Shelly Abcoke, die mit ihrem Mann nach Atlanta ziehen will: „Dinge, die in anderen Städten normal sind, wie ausreichend Wohnraum für die Familie und der Besitz eines Autos, sind in New York schwer zu erreichen. Das ist es uns einfach nicht mehr wert. Wenn du nicht reich bist, ist es hier sehr schwer, Kinder groß zuziehen.“

Arbeitssuchende auf einem ‘Job Fair’, wo man sich bei verschiedenen anwesenden Firmen bewerben kann – Foto Ed Summers

Es gab sie aber wirklich mal – die Zeit, in der man mit einem soliden, aber nicht exorbitant hoch dotierten Job, wie Bauarbeiter, Polizist, Krankenschwester oder Stadtangestellter, anständig in New York leben konnte und Optimismus in diesen Bevölkerungsgruppen zu spüren war. 2018 sieht man, wie prekärer nun alles ist, verglichen mit der Situation der Elterngeneration. Wohnkosten sind ein größeres Problem als noch vor einer Generation. Das Gleiche gilt für fast alle anderen Lebenshaltungskosten, wie zum Beispiel Essen.

Auch der Aufstieg in die Mittelklasse scheint von Tag zu Tag schwieriger. Viele Menschen, mit denen man spricht, erzählen von immer weniger werdenden Jobs in der Stadt, für die ein Gehalt gezahlt wird, von dem man halbwegs anständig leben kann und die gleichzeitig Karriere-Chancen bieten. Gut bezahlte Arbeit im Baugewerbe, in der Produktion und in Ämtern ist rar geworden. Auch Akademiker bekommen diese Situation zu spüren. Waren zum Beispiel vor einigen Jahren die meisten College-Professoren fest angestellt, läuft heutzutage das meiste über befristete Verträge, und viele lehren an mehreren Universitäten, um über die Runden zu kommen.

Die offizielle Arbeitslosenquote liegt im Moment bei 4,2 Prozent, was super klingt. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass in den USA viele Menschen gar nicht im System erfasst sind und deshalb in der der Statistik gar nicht vorkommen. Auch findet man die größte Bewegung auf dem Arbeitsmarkt bei den Billigjobs und extrem hochqualifizierten Tätigkeiten. Die Anzahl der soliden ‚Normalo’-Jobs scheint am Schrumpfen.

Bürgermeister Bill De Blasio, der seit Januar 2018 in seiner zweiten Amtszeit ist, verspricht zwar immer wieder, neue „gute Mittelklasse-Jobs“ zu schaffen. Wie er das aber machen will, ist vielen nicht klar. Im Moment haben einige Leute, mit denen ich gesprochen habe, sogar das Gefühl, dass selbst ein einfacher, schlecht bezahlter Job nicht mehr so leicht zu bekommen ist wie in der Vergangenheit. „Im Moment bin ich alles andere als wählerisch. Aber ich finde noch nicht einmal eine Stelle als Kassiererin für den Mindestlohn“, sagt Helen Russo, die als Kellnerin bis zu 50.000 Dollar im Jahr verdiente, bevor ihr Arbeitgeber pleiteging. „Ich hätte die Stadt längst verlassen, wenn ich mich nicht um meine Mutter kümmern müsste.“

Viele New Yorker geben der Politik auch Schuld an der Situation. Hier ein paar Zahlen aus der eingangs erwähnten Umfrage von Public Agenda/WNYC. 70 Prozent sind davon überzeugt, dass die Reichen den meisten Einfluss auf politische Entscheidungen haben. 58 Prozent glauben, dass die Politik primär mit den Belangen der Reichen beschäftigt ist und 58 Prozent sind der Meinung, dass zu wenig getan wird, um die Kluft zwischen Arm und Reich zu verringern. 65 Prozent denken, dass die Politik versagt, wenn es darum geht, die hohen Lebenshaltungskosten in den Griff zu bekommen.

Mit dem Rückgang der Mittelschicht haben mehr und mehr New Yorker das Gefühl, dass sich die Kluft zwischen Armen und Reichen in der Stadt und ganz besonders in Manhattan beständig vergrößert. Die Reichen, so der allgemeine Eindruck, können hier so phantastisch leben wie an nur wenigen anderen Orten der Welt. Die Armen aber haben keine Optionen. „Ja, New York ist heutzutage keine Stadt mehr für die Mittelklasse, sondern entwickelt sich immer stärker zu einem Ort nur für Arme oder Reiche“, sagt Rosa Delmond, die seit über 25 Jahren in Harlem wohnt.

Auch am anderen Ende von Manhattan gibt es diese Gefühle. Die 62-jährige Mia Chelsen, die vor 30 Jahren aus einem bäuerlichen Teil von Texas kam, um in New York ihre künstlerischen Ambitionen auszuleben, wohnt in Manhattans East Village, einer einstmals eher armen Gegend der Stadt, die in den letzten Jahren zu einem der trendigsten Viertel New Yorks geworden ist: „Früher war es üblich, dass man sich hier ein hübsches Apartment leisten konnte, und wenn man über ein mittleres Einkommen verfügte, reichte dazu der Verdienst einer Woche. Die jungen Leute von heute geben bereits die Hälfte ihres Einkommens für die Miete aus und haben dennoch nur ein Zimmer. Ich kann definitiv sagen, dass sich die Lebensbedingungen verschlechtert haben. Ich würde nicht mehr hier herziehen, wenn ich jung wäre.“

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