
Entgegen der in Europa vorherrschenden Meinung sind fast alle Amerikaner krankenversichert. Bei der Mehrheit geschieht das über den Arbeitgeber. Für die anderen gibt es eine beinahe de facto Grundversorgung mit dem Programmen Medicaid (vornehmlich für Arme) und Medicare (für Alte).
In den USA wird so viel fürs Gesundheitswesen ausgegeben wie in keinem anderen Land der Welt. Laut Daten der ‚Organisation for Economic Co-operation and Development‘ (OECD) flossen im Jahr 2024 mehr als 17.2 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) ins Gesundheitssystem. Selbst im ebenfalls hochplatzierten Deutschland sind es nur 12,3 Prozent.
Hier sehen wir uns drei Aspekte des Systems an. Wie läuft das mit der Krankenversicherung, warum sind die Kosten so exorbitant hoch und was müssen Besucher beachten?
Krankenversicherung
Viele Europäer denken, dass Krankenversicherung in den USA extrem schwer zu bekommen oder fast schon unbekannt ist. In Wirklichkeit ist der Prozentsatz der Unversicherten beispielsweise in New York unter 7%. Das ergab eine Auswertung von Statistiken, öffentlichen Datenbanken und anderen Quellen der Data USA, einem gemeinsamen Projekt mehrerer renommierter Universitäten und Unternehmen.
Und so sind die Menschen versichert:
Vom Staat bezahlte oder stark subventionierte Krankenversicherungen
Personen, die weniger als circa 17.000 Dollar im Jahr verdienen, sozialschwache Familien, Schwangere und Menschen mit Behinderungen bekommen oft eine kostenlose Krankenversicherung durch das Medicaid Programm. Fast 70 Mio. Menschen sind so versichert.
Für Niedrigverdiener, deren Einkommen über der Schwelle für Medicaid liegt, gibt es in fast allen Staaten Optionen für stark subventionierten Versicherungsschutz zu nominalen Preisen. In New York ist es der meist kostenlose New York Essential Plan.

Amerikaner über 65 können sich durch das vom Bund stark subventionierte Medicare Programm versichern.
Mit Stand Anfang 2026 sind rund 68,9 Millionen Menschen bei Medicare versichert, während über 70,8 Millionen bei Medicaid eingeschrieben sind; weitere 7,3 Millionen sind im verwandten CHIP-Programm registriert. Etwa 12 bis 12,2 Millionen Personen sind doppelt anspruchsberechtigt.
Bei allen vom Staat subventionierten Plänen laufen die eigentlichen Behandlungen über medizinische Dienstleister wie bei anderen Versicherungen auch. Es gibt also beispielsweise keine eigenen Medicaid Krankenhäuser.
Versicherung durch Arbeitnehmer
Die meisten Menschen erhalten ihren Versicherungsschutz wie in Europa auch durch ein festes Arbeitsverhältnis. Die Firmen kommen normalerweise für etwa 70% der Kosten auf und der Arbeitnehmer für 30%.


Selbst Firmen wie McDonalds, Starbucks oder Walmart, der größte Arbeitgeber der USA, deren Arbeitsplätze den Ruf von Billigjobs haben, bieten mittlerweile Möglichkeiten an, sich über die Firma versichern zu lassen.
Obamacare – Affordable Care Act
Es gibt Gruppen wie Freiberufler und Menschen mit Jobs in Minifirmen, für die es lange schwer und teuer war, versichert zu werden. Für solche Leute wurde der Affordable Care Act, auch als Obamacare bekannt, ins Leben gerufen. Das Grundprinzip ist, dass Versicherer alle Menschen versichern müssen, aber für die unattraktiveren Kandidaten Subventionen vom Staat erhalten. Seit Einführung von Obamacare kann sich beispielsweise ein Freiberufler, der 48.000 USD im Jahr verdient, für circa 400 USD pro Monat versichern lassen.

Wenn man sich als braver Europäer denkt, das ist doch alles ok, kennt man den Amerikaner nicht. Viele beschweren sich, dass durch Obamacare das Recht eingeschnitten wird, unversichert zu sein. Andere wollen sich nicht von Geld trennen und verlassen sich auf Ihr Glück, gesund zu bleiben oder sagen sich ‘Da mach ich mir Gedanken, wenn ich den Arzt brauche.’ Oft landen solche Leute dann in der Notaufnahme, was viel höhere Kosten verursacht als eine normale Behandlung.



Kosten von Behandlungen in den USA
Die Preise für Medikamente und Behandlungen rangieren im weltweiten Vergleich ganz oben. Das System gilt als teuer, intransparent und kompliziert. Die Gründe hierfür sind vielschichtig und führen zu weit für diesen Artikel. Hier ein paar grundlegende Punkte. (Wer mehr wissen will, empfehle ich das Buch ‘We’ve got you covered’ von den Gesundheitsökonomen Liran Einav und Amy Finkelstein empfehlen)
-) Amerikanische Ärzte und medizinische Einrichtungen werden bei Fehlern oder vermeintlichen Fehlern oft auf Schadenersatzsummen von Millionen von Dollar verklagt. Ärzte müssen deshalb teure ‚Malpractice Insurance‘ (in etwa ‚medizinische Haftpflichtversicherung‘) abschließen. Diese sind teuer, und werden auf die Behandlungskosten umgelegt.
-) Aus Angst vor Klagen agiert man auch oft mit einer ‚Übergründlichkeit‘, die auf Europäer manchmal schon fast absurd wirken kann. Krankenschwestern beschweren sich, dass mehr Zeit damit verbringen müssen, Behandlungen bis aufs kleinste Detail zu dokumentieren, als sich um Patienten zu kümmern. Es wird so viel Personal gebraucht, das erheblich mehr verdient als in Europa.
-) Man muss fast immer überwiesen werden. Man kann beispielsweise meist nicht direkt zu dem Arzt, den man wahrscheinlich braucht. Tun die Ohren weh, ist es normalerweise nicht möglich, direkt zum HNO-Arzt zu gehen, sondern man muss von seinem “General Practitioner“ (in etwa Hausarzt) überwiesen werden, was gewaltige Kosten verursacht.


-) Für unversicherte Amerikaner ist die Notaufnahme (Emergency Room, kurz ER), statt der General Practitioner, die erste Anlaufstelle. Und viele Leute, die dort im Wartezimmer sitzen, haben Beschwerden, die keiner Notbehandlung bedürfen. Die Kosten für Behandlungen dort sind noch einmal höher, in New York durchschnittlich 1.700 USD für Unversicherte pro Besuch. Da die Leute zu einem großen Teil mittellos sind, bleiben Staat und Krankenhäuser auf Milliarden von Dollar pro Jahr sitzen für Behandlungen, die nicht einmal ins ER gehört hätten.
-) Die etablierten Interessengruppen im Gesundheitssystem – Krankenhäuser, Versicherer oder Pharmaunternehmen verdienen gut daran und selbst kleine Reformen stossen auf viel Widerstand.

Was machen Besucher am besten beim Versicherungsschutz?
Da die Kosten für Arztbesuche hoch und bei Krankenhausaufenthalten astronomisch sein können, sollte man als Besucher den Abschluss einer Auslandskrankenversicherung (AKV) andenken. (Viele Kreditkarten beinhalten übrigens schon eine AKV.)
Medizinische Dienstleister werden nicht mit ihrer AKV abrechnen. Das heißt Sie müssen die Leistung vor Ort bezahlen und sich den Betrag später erstatten lassen. Da die Kosten bei Hospitalbesuchen immens sein können, wird man hier normalerweise zu einer Rechnungsstellung bereit sein. Sie werden bei Notfällen auf jeden Fall behandelt.
Es ist in den USA immer möglich, eine detaillierte Rechnung für medizinische Leistungen zu bekommen, was bei der Erstattung hilfreich sein kann.
In New York geht man am besten in eine ‚Walk in Clinic‘, das sind Minikliniken in Ladenlokalen. Man braucht keinen Termin, und die Kosten und Wartezeiten sind normalerweise erheblich niedriger als in Krankenhäusern. Um eine zu finden, einfach „walk in clinic near me“ googeln.
















