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Draft Riots – Die schlimmsten Rassenunruhen in der Geschichte der Stadt

Amerika im Winter und Frühjahr 1861: Nachdem Spannungen über die Abschaffung der Sklaverei mehrere Jahre geschwelt hatten, erklärten elf südliche Staaten (die Confederates) ihre Unabhängigkeit vom Rest der USA. 20 andere Staaten unter dem republikanischen Präsidenten Abraham Lincoln (die Union) wollten dieses Auseinanderbrechen der USA nicht akzeptieren. (Es gab es auch noch fünf „border states“ bzw. „Grenzstaaten“, die die Sklaverei befürworteten, aber gegen die Spaltung des Landes waren und deshalb die Union unterstützten.) So kam es zum amerikanischen Bürgerkrieg, der erst vier Jahre später mit der bedingungslosen Kapitulation der Confederates endete.

Zur gleichen Zeit gab es in New York jede Menge sozialen Sprengstoff. Die Lebensumstände für die ärmeren Leute, also den Großteil der Bevölkerung, waren meist furchtbar. Die Menschen lebten in überfüllten Unterkünften, und nirgends in der westlichen Welt gab es mehr Erkrankungen und Gewalttaten. Die Situation wurde durch die seit Kriegsbeginn rasant steigende Inflation weiter verschärft. Bei vielen New Yorkern machte sich Verzweiflung breit.

Im Frühling des Jahres verabschiedete der Kongress einen Erlass zur Wehrpflicht, um den Nachschub an Soldaten für die Union sicherzustellen. Alle ledigen Männer zwischen 20 und 45 Jahren und alle verheirateten Männer zwischen 20 und 35 Jahren mussten sich fürs Militär registrieren. Wer dann wirklich eingezogen wurde, sollte durch eine Lotterie bestimmt werden. Das ganze Verfahren wurde als „Draft Lottery“ bekannt.

Ein potenzieller Soldat konnte aus verschiedenen Gründen von seiner Wehrpflicht befreit werden, etwa wegen körperlicher Gebrechen oder weil er einziger lebender Elternteil eines Kindes war. Ein Wehrtauglicher konnte auch freigestellt werden, wenn er einen Ersatz für sich fand oder eine Freistellungsprämie von 300 Dollar zahlte (zu dieser Zeit eine hohe Summe). Diese Regelung verursachte enorme Wut in den ärmeren Schichten der Bevölkerung, vor allem bei irischstämmigen Einwanderern, aber auch bei einem nicht geringen Teil Deutschstämmiger. Weil sie arm waren, sich weder die Prämie noch das Bezahlen eines Ersatzes leisten konnten, sollten sie also Kanonenfutter werden. Dabei war der Krieg nicht ihre Idee und sie hegten auch keine besondere Abneigung gegen die Confederates. Für sie war es, wie es damals hieß, „des reichen Mannes Krieg, des armen Mannes Kampf“. Dazu kam noch, dass der Grund des Krieges die Befreiung der unbeliebten Schwarzen war, deren Anzahl in New York zu der Zeit stark stieg. Die Schwarzen waren bereit, für noch niedrigere Löhne als arme Weiße zu arbeiten, was zusätzlich große Spannungen verursachte. Viele sprachen vom Bürgerkrieg als dem „nigger war“ – und wollten für so etwas sicher nicht ihr Leben lassen. (Schwarze wurden nicht eingezogen, da sie nicht als Bürger galten.)

Am 11. Juli des Jahres 1863, einem Samstag, wurde die erste Draft Lottery in Manhattan abgehalten. Sie ging relativ friedlich vonstatten. Die Menschenmenge, die sich draußen versammelt hatte, begann zu grummeln, rufen und fluchen, mischte sich aber nicht in die Auswahl der Wehrpflichtigen ein. An diesem Tag wurden 1.236 Personen einberufen, und am Montag sollten weitere ausgesucht werden. Am folgenden Sonntag, an dem die meisten Arbeiter freihatten, erregte man sich in den Kneipen und auf den Stufen der Wohnhäuser, oft beträchtlich alkoholisiert, über die üblichen Themen: Die Schwarzen, die die Löhne nach unten zogen, die ausbeuterischen Reichen und die verhasste Polizei. Neu hinzu kam jetzt aber die Ungerechtigkeit der Wehrpflicht. Das Ganze schaukelte sich immer mehr hoch und die angespannte Atmosphäre aus Wut, Alkohol und Hitze sollte sich am nächsten Tag in den Draft Riots (den „Wehrpflicht-Aufständen“) entladen, die zu einem der dunkelsten Kapitel der New Yorker Geschichte gehören.

Am Montagmorgen machten sich um die 500, meist irische, Arbeiter auf den Weg zum Provost Marshal, dem Leiter des Verfahrens, in dessen Amtsräumen die zweite Runde der Lotterie stattfinden sollte. Unterwegs dorthin forderte die Menge andere Arbeiter auf, ihre Fabriken und Baustellen zu verlassen und sich ihr anzuschließen, was viele auch taten. Nebenbei wurden Telegrafenleitungen und -stationen zerstört und Fenster von Geschäften eingeschlagen. Irische Frauen benutzten gar Brecheisen, um Eisenbahnschienen an der Fourth Avenue aus der Verankerung zu reißen.

Als man gegen 10 Uhr am Ziel ankam, begann der Angriff. Erst einmal legten Feuerwehrleute der Einheit „Black Joke Engine Company“ Feuer am Amtssitz. Sie waren wütend, weil es für sie keine Befreiung von der Wehrpflicht gab.

Die Ausschreitungen, die wegen der unfairen Verfahren bei der Auswahl der Wehrpflichtigen begonnen hatten, setzten nun all die Enttäuschungen der arbeitenden Klassen frei. Das Ziel ihres Zorns änderte sich, manchmal stündlich: Schwarze, die Pro-Krieg-Presse, die Reichen; auch die verhasste Polizei wurde nicht verschont. Ein prominentes Opfer war der hochrangige Superintendent of Police John A. Kennedy. Er wurde bis zur Unkenntlichkeit geschlagen und danach durch den Dreck gezogen. Dass er selbst irischer Abstammung war, half ihm nicht.

Jeder, der einem Opfer zu Hilfe kommen wollte, sogar wenn er selbst Arbeiter war, wurde schnell zum Feind und entsprechend behandelt. Gutangezogene Herren wurden als „300-Dollar-Männer”, die es sich leisten können, dem Wehrdienst zu entgehen, verunglimpft und auch oft zusammengeschlagen. Die Häuser mehrerer wohlhabender Familien wurden verwüstet und geplündert. Geschäftsinhaber, die sich weigerten, Geld oder Alkohol für „die Sache“ bereitzustellen, wurden hart angegangen.

In den nächsten Tagen wurden die Ausschreitungen noch intensiver. Der Mob zerstörte weiterhin das Eigentum der Reichen und attackierte die Polizei. Ganz oben auf seiner Liste stand Colonel Henry O’Brian, weil er am Vortag eine Kanone benutzt hatte, um Aufständische aus der Second Avenue zu vertreiben – wobei eine Frau und ein Kind gestorben waren. O’Brian wurde auf allerbrutalste Weise über mehrere Stunden gefoltert und schließlich ermordet, woran auch mehrere Frauen beteiligt waren. Ein Apotheker wollte O’Brian ein wenig Wasser zu trinken geben, woraufhin seine Apotheke zerstört wurde. Ein junges Mädchen bat, dass man aufhören solle, auf O’Brian einzuschlagen. Sie wurde selbst schlimm verprügelt und das Heim ihrer Familie zerstört.

Schwarze Männer wurden geschlagen und oft regelrecht gefoltert. Auch Frauen konnten zum Ziel brutaler Gewalt werden, wenn sie versuchten, ihre Männer und Söhne zu beschützen. Die Mitglieder der Aufständischen drohten jeder nicht-schwarzen Person, die den „Niggern“ half, mit Aufhängen. Bei einem der schlimmsten Vorfälle wurde sogar das Colored Orphan Asylum, ein Waisenheim für farbige Kinder niedergebrannt. Die Kinder und ihre Erzieher konnten dem Feuer gerade noch entkommen, bevor das Gebäude zusammenstürzte.

Am Donnerstag, den 16. Juli, richtete der Mob sein Auge auf den „großen Preis“ – das Waffenlager (Armory) in der Second Avenue, einem verhassten Symbol der militärischen Präsenz der US-Regierung. Riesige Gruppen umzingelten das Arsenal. Der Bürgermeister von New York, Horatio Seymour, erfuhr schnell von der höchst gefährlichen Situation. Er bat seinen politischen Konkurrenten N. Hill Fowler, einen „Friedens-Demokraten“, der den Arbeitern politisch näherstand, diese zu beruhigen. Fowler verlas eine öffentliche Bekanntmachung, wonach die Einzugsverfahren in New York außer Kraft gesetzt wurden. Danach ging er ab, und die Menge zerstreute sich friedlich.

Ein paar Tag zuvor waren von Vertretern der Bundesregierung in New York Regimente angefordert worden, die gerade die mittlerweile legendäre Schlacht von Gettysburg gewonnen hatten und an diesem 16. Juli in die Stadt zurückkehrten. Sie nahmen die von den Arbeitern besetzten Straßen und wichtige Fabriken wieder ein. Aufrührer versuchten zwar, die Soldaten zu stoppen, aber ohne Erfolg. Durch die Präsenz des Militärs und weil sich die Wut bis dahin wohl größtenteils entladen hatte,  begann das Leben in New York wieder seinen normalen Verlauf zu nehmen. Der schlimme Spuk hörte so schnell auf, wie er begonnen hatte.

Geschätzte 50.000 bis 70.000 Männer, Frauen und Kinder hatten an den Ausschreitungen teilgenommen. Die Zahl der Toten bezifferte man mit 70 bis 1.000, die meisten Schätzungen jedoch bewegen sich um die 100. Etwa 100 Gebäude wurden niedergebrannt und 200 weitere durch Feuer und Plünderungen beschädigt. Der Verlust an Eigentum belief sich auf geschätzte 1,5 bis 5 Millionen Dollar (eine immense Summe im Jahr 1863). 443 Personen wurden verhaftet und 19 von ihnen verurteilt.

Weder in New York noch in einer anderen amerikanischen Stadt gab es jemals wieder Ausschreitungen in dieser Größenordnung, und auch nach mehr als 150 Jahren bleiben die Draft Riots einzigartige Tage in der Geschichte Amerikas. Die Zeit und das beschriebene Milieu sind gut im Film „Gangs of New York“ von Martin Scorsese eingefangen.

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