New York 360

Mythos und Wirklichkeit – eine kurze Geschichte der New Yorker Mafia

von Erol Inanc
Gründer New York Aktuell
15-10-2021

John Gotto, der letzte große Mafiaboss, verlässt 1992 das Bundesgericht in Manhattan. Er wurde noch im gleichen Jahr zu lebenslanger Haft verurteilt und starb 2002 im Gefängnis.

Von circa 1880 bis in die 1920er-Jahre kamen Hunderttausende italienische Einwanderer nach New York. Unter ihnen waren Männer mit Verbindungen zur sizilianischen Mafia und der kleineren und älteren neapolitanischen Camorra. Sie machten sich bald daran auch hier Unternehmungen wie in der alten Heimat aufzubauen.

Little Italy um 1900 – Photo – Library of Congress

Am Anfang legten die beiden Organisationen Wert darauf, sich nicht ins Gehege zu kommen. Die Mafia kümmerte sich um den ‘Schutz‘ von Geschäften italienischer Einwanderer, vor allem Lebensmittel, Eis- und Kohlehändler. Glücksspiel, Prostitution und Drogen wurden weitgehend den Camorra-Banden überlassen.

Nach der Ermordung von Camorra-Chef Giosue Gallucci, dem King of Little Italy und seinem Sohn am 17. Mai 1915 durch Konkurrenten in der eigenen Organisation, entstand ein Machtvakuum. Die Mafia wollte sich Teile von Gallucis Operationen einverleiben, was den zweijährigen Mafia-Camorra-Krieg auslöste, bei dem 23 Bandenmitglieder starben. Am Ende zog die Camorra den Kürzeren und wurde von der Mafia geschluckt, die so zu einer mächtigen Unterweltorganisation wurde.

Die ‘Navy Street’ Camorra Gruppe, beannt nach der Straße in Brooklyn, wo ihr Hauptquartier war, circa 1915.

Die Mafia, stärker denn je, war jetzt ideal positioniert, um von der Entscheidung der US-Regierung im Jahr 1919 zu profitieren, Produktion und Verkauf von Alkohol zu verbieten. Die Prohibition, die bis 1933 in Kraft blieb, ließ eine gewaltige, lukrative Schattenwirtschaft entstehen, unter anderem die Belieferung von Speakeasies, illegaler Bars, mit Alkohol. Die Mafia sicherte sich einen Löwenanteil.

Der Hunt Club, ein Speakeasy in New York in den frühen 1930er Jahren – Foto Margaret Bourke White

In New York teilten sich die “Fünf Familien” die Geschäfte. Die Gambinos, Genoveses, Luccheses, Colombos, and Bonannos. Auf Anregung Charles “Lucky” Luciano, Oberhaupt der Genovese Familie, der als “Vater des modernen organisierten Verbrechens in den USA“ gilt, wurde 1931 eine ‘Kommission‘ aus Vertretern der fünf Familien gegründet. Sie sollte Streitigkeiten beilegen und sich mit Gebietsvergabe beschäftigten und war bis in die 1980er-Jahre aktiv.

Lucky Luciano, der bei vielen Experten als ‘Vater des modernen organisierten Verbrechens’ gilt, 1936 nach einer Festnahme – Foto NYPD

Eine andere Innovation in der Gangsterwelt wurde zwei Jahre vorher ins Leben gerufen – die sogenannte Murder Inc. (Mord GmbH). Die von den jüdischen Gangstern (wie die italienische Mafia eine wichtige Gruppe) Meyer, Lansky und Bugsy Siegel gegründete Gruppe, übernahm Auftragsmorde für das jüdische organisierte Verbrechen und später auch die italienische Mafia. Bis zu ihrer Zerschlagung 1941 soll Murder Inc. 400 bis 1000 Morde durchgeführt haben.

25. Mai 1937 – George Rudnick war ein Gangster, der von Mafiosis verdächtigt wurde, ein Polizeiinformant zu sein – Die Murder Inc. kümmerte sich um das Problem – John Jay College of Criminal Justice (CUNY)

Auch nach dem Ende der Prohibition im Jahr 1933 blieben der Mafia viele lukrative Geschäftsfelder wie das Kredithaigeschäft, Glücksspiel, Prostitution, Drogen und natürlich Schutzgelder. Die Organisation infiltrierte auch eine Vielzahl von ansonsten legalen New Yorker Industrien wie Transport, Lebensmittelgroßhandel, Betonproduktion, kommerzielle Müllabfuhr und das Nachtclubgeschäft.

Aber auch die Mafiakämpfer bei Polizei und Staatsanwaltschaft hatten ihre Erfolge. So wurde 1941 die Murder Inc. dank Informationen des Überläufers Abe “Kid Twist” zerschlagen, der etwas später an den Folgen eines versehentlichen Fenstersturzes sterben sollte.

Louis “Lepke” Buchalter, Mitgründer der Murder Inc., wird am 2. Dezember 1941 zum Tode verurteilt und kommt drei Jahre später auf den elektrischen Stuhl – Foto Library of Congress

Was der Mafia dann aber wirklich zusetzte, war ein neues Bundesgesetz, dass 1970 in Kraft trat, der ‘Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act’ (RICO). Das für die Bekämpfung der Mafia maßgeschneiderte RICO gab den Gesetzeshütern eine neue Machtfülle, Gruppen und Einzelpersonen zu verfolgen und Vermögen zu beschlagnahmen.

Gleichzeitig wurde die Mafia durch heftige Revierkämpfe unter den fünf Familien geschwächt und den Behörden gelangen immer größere Schläge gegen die Mafia.

Rudolph Giuliani (rechts) während einer Pressekonferenz zum Commission Prozess 1986 – Foto Ed Clarson

Ein Star unter den Staatsanwälten war Rudy Giuliani, der spätere Bürgermeister. In einem zwei Jahre dauernden Prozess Mitte der 1980er-Jahre gegen elf Mitglieder der ‚Kommission’ kamen er und seine Kollegen dem erklärten Ziel, die fünf Familien “auszulöschen”, sehr nahe.

Drei Oberhäupter wurden am 13. Januar 1987 zu 100 Jahren Gefängnis verurteilt. Der Gambino-Boss Paul Castellano musste nicht mehr bestraft werden. Er wurde zusammen mit seinem ‚Unterboss’ Thomas Bilotti schon 16. Dezember 1985 auf den Straßen von Midtown Manhattan erschossen.

Paul Castellano musste nicht mehr bestraft werden. Er wurde zusammen mit seinem ‚Unterboss’ Thomas Bilotti schon am 16. Dezember 1985 auf den Straßen von Midtown Manhattan erschossen.

Laut einer FBI-Memo, die 2007 öffentlich wurde, stimmten die Führer der Fünf Familien Ende 1986 darüber ab, ob sie einen ‘Vertrag‘ für Giulianis Eliminierung ausstellen sollten. Die Oberhäupter der Lucchese, Bonanno und Genovese Familien lehnten die Idee ab, Carmine Persico und John Gotti, einer der bekanntesten Mafiosi seiner Zeit (Film mit John Travolta) und Oberhäupter der Colombos und Gambinos stimmten dafür. Es kam nie zu einem Attentat auf Giuliani.

Vincent ‘The Chin’ Gigante wird 1990 in seinem Bademantel verhaftet – Foto NY Daily News

Die goldene Zeit der Mafia war nach dem Ende des Prozesses endgültig vorbei und die 1990er-Jahre gaben ihr in vielerlei Hinsicht den Rest. John Gotti, der die letzte Supermacht in der New Yorker Mafia war, erhielt 1992 eine lebenslange Haftstrafe. Vincent “the Chin” Gigante, der Boss der Genovese (der Gotti in anderer Sache einmal ermorden lassen wollte) wurde 1997 verurteilt und starb im Gefängnis. Zuvor schlenderte er mehrere Jahre mit seinem Bademantel durch Manhattan – darüber, ob er geisteskrank war oder auf verminderte Schuldfähigkeit hoffte, gehen die Meinungen auseinander.

John Gotti starb 2002 im Gefängnis

Nicht nur die Justiz, auch der Generationswechsel trug dazu bei, die Mafia weiter zu schwächen: Die Kinder und Enkelkinder mächtiger Gangster gingen oft aufs College und wollten nicht ins Familienunternehmen wechseln.

Die Mafia existiert immer noch in New York und soll vornehmlich im Drogenhandel und Kredithaigeschäft tätig sein. Sie ist aber nur noch ein Schatten ihrer selbst und wird von den russischen Organisationen überragt.

In der Weltgeschichte gab es größere, brutalere und mächtigere Verbrechensorganisation, aber keine bekanntere Popkultur ließ die New Yorker zu einem unvergleichlichen Mythos werden.

Marlon Brando spielt 1972 Don Corleone in ‘Der Pate’

Da sind Filme wie Martin Scorsese ‘Good Fellas‘, Sergio Leones ‘Once upon a time in America’, die preisgekrönte, in den USA gewaltig populäre TV-Show ‘The Sopranos’ und unzählige andere Bücher, Filme und Songs. Übertrumpft werden sie alle vom Roman ‘Der Pate‘, den Mario Puzo, ein Italo-Amerikaner aus New York 1969 veröffentlichte und den zugehörigen Filmen von Regisseur Francis Ford Coppolas.

Mafiakennern zufolge waren manche der echten Bosse von der Darstellung Marlon Brandos des weltgewandten, klugen und eleganten Don Corleone so angetan, dass sie Kleidung und Verhalten bis hin zu seiner Art zu sprechen nachahmten.

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