Menschen

Stadtnomaden – Deutsches Paar in New York zieht ein Jahr lang jeden Monat um

Christine, Felix und die kleine Emma in einer ihrer Wohnungen im Hell’s Kitchen Viertel von Manhattan. Foto – stadtnomaden-buch.de

New York ist die vielleicht vielseitigste Stadt der Welt. Menschen aus buchstäblich allen Ländern dieser Erde leben hier auf wenig Platz zusammen. Von Immigranten aus Ländern wie Bangladesch oder der Dominikanischen Republik bis hin zu den Ultrareichen auf der ‘Billionaire’s Row‘ – dem ‘Pfad der Milliardäre‘ – ist alle Art von Leben in New York zu finden.

Viele Gruppen, seien sie ethnisch oder religiös, haben sich in New York ihrer eigene Welt aufgebaut. Gegenden wie Crown Heights, das von orthodoxen Juden geprägt ist, Brighton Beach, mit großer russischer und ukrainischer Bevölkerung oder auch Jackson Heights, wo viele Inder wohnen, sind nur ein paar Beispiele.

Das deutsche Journalistenpaar, Christina Horsten und Felix Zeltner (beide 36) wollte diese Vielseitigkeit authentisch erleben. Aber wie? Nach einigem Überlegen dann der verrückte Einfall. Wir ziehen für ein Jahr jeden Monat um, und zwar in Gegenden, die so verschieden wie irgend möglich sind und alle fünf Boroughs abdecken (die Bezirke, aus denen sich New York zusammensetzt).

NY Aktuell sprach mit Christina und Felix über ihre Erfahrungen während ihres einjährigen “Stadtnomadentums“. Dabei, nicht nur bei den Umzügen, sondern auch beim Interview, ihre kleine Tochter Emma.

Ihr habt während Eures Projekts in 14 Vierteln gewohnt. Könnt ihr uns von drei erzählen, die Ihr besonders interessant fandet oder die Euch überraschten?

Seagate, am äußersten Südwesten von Brooklyn am Atlantik war faszinierend. Es ist die einzige ‘Gated Community‘ (Wohnanlage mit Zaun und Toren) in New York und eine Welt für sich. Seagate ist sehr alt, besonders für New Yorker Verhältnisse. Einige der über 800 Häuser stammen noch aus dem 19. Jahrhundert. In so einem, im viktorianischen Stil, konnten wir wohnen. Auch die Bevölkerung ist außergewöhnlich, denn es sind zum Großteil orthodoxe Juden. In Seagate gibt es viel Gemeinschaftsgefühl, die Menschen fühlen sich eng verbunden. Ein neuer Bewohner kommt hier nur rein, wenn er jemanden kennt. Das war bei uns zum Glück der Fall.

Chinatown war eine Überraschung. Tagsüber herrscht hier eine Marktatmosphäre, und man kann alles von Drachenfrucht bis zu gefälschten Prada Handtaschen kaufen. Von diesem Treiben ist auch das Image von Chinatown geprägt. Als wir hier lebten, kamen wir aber in Gespräche mit Bewohnern und lernten ganz andere Aspekte dieser Welt kennen, die sich die chinesischen Einwanderer über Generationen aufgebaut haben. Auch unsere Unterkunft in Chinatown war außergewöhnlich – ein altes Lager, das, wahrscheinlich ohne Genehmigung, zu Wohnraum umgebaut wurde. Wir hatten ein ganzes Stockwerk für uns, eigentlich unfassbar in New York. Die Küche war halbfertig und die Dusche behelfsmäßig, aber das trug für uns zum Charme bei. Nicht nur mit dem Wohnen hatten wir Glück hier, wir fanden sogar einen bezahlbaren Kindergarten, in den Emma immer noch geht.

Harlem war auch sehr spannend. Wir lebten dort in ‚Little Senegal‘, einem Viertel rund um die West 116th Straße, dem die vielen westafrikanischen Einwanderer hier seinen Name geben. Die Atmosphäre mit vielen kleinen Läden, Restaurants, die von Familien betrieben werden und Menschen in traditioneller senegalischer oder ghanaischer Kleidung geben dem Viertel auch ein wirklich afrikanisches Flair. Es gab viel positives Interesse an uns, viele Leute fingen Unterhaltungen an, was toll war.

Seagate in Brooklyn – die einzige Gated Community (zaungeschützte Wohnanlage) in New York – Auch hier wohnten Christina, Felix und Emma – Foto Seagate Brooklyn

Wie habt Ihr die Wohnungen gefunden?

Anfangs dachten wir, dass wir Apartments über Airbnb finden könnten. Die Angebote dort waren aber praktisch genau so teuer wie Hotelzimmer und hatten, was uns gar nicht gefiel, meist gar keinen Charakter. Wir merkten schnell, dass wir anders vorgehen mussten.

Bei der ersten Wohnung hatten wir gleich Glück. Ein Freund hatte gerade ein Haus in Long Island City fertig gebaut, und hatte ein noch nicht vermietetes Apartment. Was uns aber am meisten half, war listingsproject.com. Das ist eine Seite für Wohnungsvermittlung innerhalb der kreativen Szene. Wohnungsinhaber- und suchende kommunizieren direkt. Auf listingsproject.com sind nur Privatleute zugelassen, keine Vermittler.

Einmal mussten wir dann doch auf Airbnb zurückgreifen. Wir wollten ja in allen 5 Boroughs (Bezirken) wohnen. Einer davon, Staten Island, ist eine Insel, die 10 km von der Südspitze von Manhattan entfernt ist. Hier ticken die Leute zum Großteil anders als im Rest von New York und sind oft konservativer (Staten Island war der einzige Bezirk, in dem Trump die Wahl gewann.) Listingsproject konnte uns keine Kontakte daher vermitteln.

Little Senegal in Harlem, eine der 14 Stationen der Stadtnomaden – Foto 88Jag at Flickr

Ihr kamt auch in Viertel, die im Umbruch sind, unter. Schlagwort Gentrifizierung. Wie seid Ihr damit umgegangen?

Ja, das stimmt. In Harlem sagte uns der Vermieter beispielsweise “Harlem is getting whiter by the minute“. Wir müssen ehrlich zugeben, dass wir irgendwo auch Nutznießer dieses Prozesses waren .Wir glauben nicht, dass ein Projekt wie unseres in den 1980er Jahren durchführbar gewesen wäre.

Gentrifizierung war aber auf jeden Fall ein Thema, dem wir uns stellen wollten. In jedem Viertel, in das wir zogen, veranstalteten wir beispielsweise einen ‘Neighborhood Dinner’. Wir luden Nachbarn, Aktivisten oder Leute, die ein kleines Gewerbe im Viertel haben, zum Essen ein. Wir wollten den Menschen von uns erzählen und von ihnen erfahren. „Wie seid ihr hierher gekommen? Wie erlebt ihr das Viertel heute? Was denkt ihr über die demografischen Veränderungen? Was sind Wege hier am Besten zusammen zu leben? Die Resonanz war fast immer gut und wir hatten so viele interessante Gespräche und viel gelernt.”

Chinatown – hier lebte die Familie in einem umgebauten Lagerraum – Foto Ed Foxton

Ihr habt ein Buch über Eure Erfahrungen geschrieben. ‚Stadtnomaden‘ . Wer ist Eure Zielgruppe?

Natürlich wollen wir die New York ‚Fans‘ erreichen. Leute, die die Stadt toll finden und auf eine andere Weise tiefere Einblicke bekommen wollen, vielleicht für die nächste Reise. Aber auch Menschen, die vielleicht nie hierher kommen, können sich aus dem Buch etwas mitnehmen, zum Beispiel unterhaltsame Geschichten, die aus dem echten Leben in New York gegriffen sind. Dinge, die man nicht in einem Reiseführer liest.

Für uns geht es bei Stadtnomaden aber nicht nur um New York, sondern auch um die grundlegendende Frage ‘Wie lebe ich?‘. Auf unserer letzten Lesetour in Deutschland kam eine Frau auf uns zu und sagte „Euer Buch brachte mich dazu, endlich einmal meine Wohnung auszumisten. Aber viel wichtiger, es inspirierte mich dazu, mich mehr auf neue Erfahrungen in meinem Leben einzulassen.” Dieses Feedback hat uns sehr gefreut.

Vor einem halben Jahr wurden Felix und Christine erneut Eltern und entschlossen erst einmal wieder sesshaft zu werden und haben einen Mietvertrag für zwei Jahre unterschrieben, aber gaben auch zu: „Wir überlegen schon, was das nächste Abenteuer sein könnte. Vielleicht haben die NY Aktuell Leser ja eine Idee für uns.“

Die Stadtnomaden sind im Oktober auf Buchtour in Deutschland. Info dazu und rund ums Buch gibt es hier.

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