Die New Yorker

Falsche deutsche Erbin trickst New Yorker High Society aus

Anna vor Gericht – Foto Stephen Hersch

Sie wollte so gerne zur High Society New Yorks gehören! Jedoch fehlte ihr dazu eine Kombination aus Geld, Herkunft, Ruhm, Erfolg, außergewöhnlichem Charme und Schönheit. Daher erfand die 27-jährige Anna Soronkin, beziehungsweise Anna Delvey, wie sie sich später nannte, einfach genug davon, um sich ihre Eintrittskarte in manche der erlesensten Kreise New Yorks zu sichern. Dies klappte über mehrere Jahre so hervorragend, dass viele Leute sich im Nachhinein fragen, wie es möglich war, sich mehr oder weniger durch Kraft der Fantasie unentdeckt in der Welt der New Yorker Eliten zu bewegen und dort einigen Schaden anzurichten. Seit Oktober letzten Jahres sitzt Anna in New York im Gefängnis. Hier ist ihre Geschichte, basierend auf dem hervorragend recherchierten und geschriebenen Artikel von Jessica Pressler im ‚New York Magazine‘:

Die ‚echte‘ Anna wurde 1991 in Russland geboren und zog mit 16 Jahren mit ihren Eltern und dem jüngeren Bruder nach Eschweiler bei Köln, wo sie einige Jahre zur Schule ging. Ihr Vater fuhr erst Laster, wurde dann Manager eines Transportunternehmens und gründete danach eine kleine Firma für Energie- und Wärmesysteme, die ein paar Jahre später pleite ging.

Mit 20 Jahren gelang es Anna, ein Praktikum beim ultratrendigen Kunst und Kulturmagazin ‚Purple‘ in Paris zu ergattern. Der Herausgeber von Purple ist Olivier Zahm, ein Kreativ-Unternehmer von Weltrang. Neben Purple war er auch an ‚Le Baron‘ beteiligt – zu der Zeit der trendigste Club von Paris, der später auch einen Ableger in New York bekam. Zahm ist jemand, der sich im Kreis der Schönen, Erfolgreichen und kreativen globalen Elite bewegt. In seinem Dunstkreis schnupperte Anna zum ersten Mal die Luft der weltweiten High Society. Plötzlich erlebte sie die Mode von Größen wie Azzedine Alaïa und Alexander McQueen hautnah, flog übers Wochenende nach Santiago und tanzte mit der Elite auf den After Show Partys der Pariser Fashion Week. Ein ‘Normalo’ oder einfache Praktikantin wollte Anna nicht lange bleiben und nahm in Paris deshalb eine neue Identität an. Aus Anna Sorokin, Tochter aus der Arbeiterklasse, wurde Anna Delvey, reiche deutsche Erbin mit großem Treuhandfond im Rücken.

Wahlweise erzählte Anna den Leuten, ihre Familie herrsche über ein Antiquitätenimperium in Deutschland. Dann wieder, dass ihr Vater ein Öl-Mogul oder reicher Diplomat sei. Manchmal kam das große Vermögen der Familie von der Herstellung von Solaranlagen. Mehr Details wurden nicht gegeben und auch nicht erwartet. Warum auch? Eine echte Reiche muss schließlich nicht rechtfertigen oder erklären, wo das Geld herkommt und so genau will es dann eh niemand wissen. Dass die ‘Erbin aus Deutschland’ ihre ‘Muttersprache’ nicht besonders beherrschte, merkten im Ausland die Wenigsten. Und die, die es erkannten, dachten sich wohl „die Superreichen sind irgendwie überall zu Hause, und sie verbrachte in ihrem Leben wohl nicht viel Zeit in der ‘Heimat‘.“

Anna auf Instagram – Flieger hinter Ihr

Als sie dann vor 4 oder 5 Jahren nach New York ging, wurde nicht nur die Stadt größer, auch ihre Hochstapelei nahm neue Ausmaße an. Um schnell Zugang zu den kreativen und reichen Eliten der Stadt zu erlangen, reichte es einfach nicht, eine reiche Erbin zu sein. Anna brauchte mehr! Sie fing an zu erzählen, dass sie an einem faszinierenden, ambitionierten Projekt arbeitet, bei dem es um viel Geld ging, das aber auch Glamour und Kreativität ausstrahlte. Eine ideale Mischung. Ihr ‚Baby‘ war ein ‚multidisziplinäres Zentrum’: eine eigene kleine Welt mit bester Lage in Manhattan, mit Schwerpunkt auf einem großen Gallerieraum für Kunstprojekte, umrahmt von trendigen Hotel- Bar- und Restaurantbereichen. Das Budget von 25 Millionen Dollar sollte unter anderem durch Finanzkraft, Ruf und Kontakten der ‚Anna Delvey Stiftung‘ erbracht werden – dass es diese nur auf dem Papier gab, merkte man erst viel später!

Das Projekt öffnete viele Türen. Die ‘reiche Erbin aus Deutschland‘ bekam Termine mit Größen der verschiedenen ‘Disziplinen‘, zum Beispiel mit Galleristen und Restaurateuren. Auch Banker hören in New York gerne zu, wenn es um ein Projekt in dieser Größenordnung geht, bei dem es ja auch ordentlich was zu verdienen gäbe. Diese ,Geschäftsbekanntschaften’ ermöglichten es Anna, die ‘Kontaktleiter’ hochzuklettern. Restaurateur A konnte man erzählen, dass man sich schon mit Restaurateur B unterhalten habe, und Banker C Interesse an einer Teilfinanzierung habe und Gallerist D im Zentrum eröffnen will. Bald kann man dann den Leuten gegenüber von so vielen erfolgreichen Leuten berichten, die man kennt und getroffen hat, dass kaum jemand daran zweifeln würde, eine echte Gesellschaftsdame vor sich zu haben.

Ein solches Spinnennetz von Kontakten und Namen immer weiter zu knüpfen, ist eine Technik, mit der viele der größten Schwindel der Geschichte begangen wurden. Erst danach merkten die Geschädigten, dass keine der Beteiligten den Hochstapler eigentlich richtig kannte. Man hat auch nicht viel nachgefragt. Denn man kommt ja gar nicht darauf, Leute wie Kunstsammler Michael Xufu Huang, Gabriel Calatrava – Sohn des Stararchitekten Santiago Calatrava, der gerade das 4 Milliarden Dollar Projekt World Trade Center Hub in New York mit verwirklichte- oder Hedge Fonds Manager Martin Shkreli, der später selbst noch um einiges berüchtigter werden sollte, als Anna. (Artikel zu Martin Shkreli)

Durch die Geschäftskontakte ergaben sich dann auch private Beziehungen, denen gegenüber sie sich oft so verhielt, wie man es sich von einer reichen Erbin erhofft: sehr großzügig, denn wer die Reichen und Erfolgreichen kennt, weiß, dass sie sich genau so gerne einladen lassen, wie der Normalbürger. Anna ließ zum Beispiel Dinnerpartys in einigen der angesagtesten Restaurants Manhattans steigen und übernahm die Rechnung- das schafft freundschaftliche Gefühle, Vertrauen und Respekt. Auch dem Fußvolk gegenüber zeigte sich Anna spendabel. Für den Pagen, der ihr die vollen Einkaufstaschen von Balenciaga oder Céline ins Hotelzimmer trug: 100 Dollar. Für den Uber-Fahrer: 100 Dollar. Für die Nagelartistin, die ihre Fußnägel mit ihrer Lieblingsfarbe – «ein helles Wes-Anderson-Rosa» – lackierte: 100 Dollar – immer als einen einzigen Schein. Auch sonst lebte Anna den Lifestyle des internationalen Jets-Sets: Luxus-Dinner, Privat-Trainer und Geschenke; sie buchte Trips nach Venedig und Marrakesch; einmal flog sie im Privat-Jet nach Omaha, um Warren Buffett auf einer Investmentkonferenz zu treffen.
Banken schnorrte sie derweil für Ihr ‘Kunst-Zentrum‘ um Millionen-Kredite an. Dazu soll sie falsche Dokumente vorgelegt haben, um ihre Kreditwürdigkeit zu beweisen. Wenn sie von einer Bank einen Kredit erhielt, nutzte sie das Geld als Sicherheit für einen höheren Kredit bei einer anderen Bank- so eine Bank, wo die New Yorker Staatsanwaltschaft einen der Vorwürfe später präsentieren sollte.

Anzeichen, dass es das große Geld im Rücken nicht gab, gab es immer wieder – nur wurden sie zu der Zeit nicht so gedeutet. Es wurde anscheinend niemand so richtig stutzig, wenn sie immer wieder mal «vergaß», ihren Freunden First-Class-Flüge oder teure Dinners zurückzuzahlen. Solche Sachen können bei Leuten, die sich um Geld keine Gedanken machen müssen, ja mal passieren, dachte man sich wohl. Auch ein Luxushotel wie 11 Howard Street, wo Anna wochenlang lebte, ließ sich durch Geschichten wie Überweisungen, die aus irgendwelchen ‘technischen‘ Gründen nie ankamen, lange hinhalten. Von der zu einem Luxusurlaub in Marrakesch mit Butler und privatem Swimming-Pool ‘eingeladenen‘ Freundin, der Fotoredakteurin Rachel Williams, lieh sie sich die $54 000, die der Spaß kostete, weil es Probleme mit Überweisungen oder Freischaltungen von Geldern gab, oder Kreditkarten aus ‘technischen Gründen’ nicht funktionierten. (Hier sieht man auch, dass Anna nicht nur von den Reichen nahm: „Das war mehr als ich in einem Jahr verdiene“, sagte Williams später der „Vanity Fair“.) Am Ende blieben massenweise ungedeckte Schecks, offene Hotelrechnungen und betrogene Firmen und Freunde. Wie hoch der Schaden ist, den Anna anrichtete, wird immer noch geklärt.

Wie konnte das alles passieren, fragen sich viele Leute im Nachhinein. Dass Anna, die Jessica Pressler für ihren Artikel im ‘New York Magazine‘ interviewte, nach Aussage der Leute nicht die schönste, charmanteste und freundlichste Frau war, die New York je zu Gesicht bekam, steigerte ihre Glaubwürdigkeit wohl noch weiter. Man weiß ja, dass die Elite keine Obligation hat, mit ihrem Verhalten irgendwelchen Erwartungen zu genügen, und bei den Superreichen ist das Schönheits-Gen eben auch nicht weiter verbreitet, als beim Rest der Menschheit. Für besondere Freundlichkeit besteht auch keine Verpflichtung. Dass sie nicht aus Amerika stammte, war ein weiterer Vorteil für ihr Spiel. Manche Kleinigkeiten, die vielleicht nicht zu einer amerikanischen High Society Dame passten, wurden von den New Yorkern sicher mit ‘Sie sind halt anders, die Europäer‘ quittiert. In gewisser Hinsicht war es für Anna so sicher einfacher, in der neuen Welt als Hochstaplerin zu agieren als in Berlin oder Moskau. Der größte Faktor war aber wohl, dass Anna einfach ein Naturtalent als Hochstaplerin war. Neben narzisstischen und vielleicht sogar soziopathischen Charakterzügen, zeichnen sich viele der ‚erfolgreichsten‘ Hochstapler dadurch aus, dass sie irgendwann Wahrheit und Erfindung nicht mehr auseinanderhalten können. Sie beginnen, ihre Lügen selbst zu glauben, und können deshalb so überzeugend präsentieren. Dazu passen ihre Aussagen, die sie machte, als Jessica Pressler sie in der Untersuchungshaft in New York’s größtem Gefängnis ‘Riker’s Island‘ besuchte: «Wissen Sie, es gibt unendlich viel Geld auf der Welt. Aber es gibt nur eine begrenzte Anzahl talentierter Menschen.»

Viele Medien, auch im deutschsprachigen Raum in Europa, sehen die Geschichte von Anna auch als Beweis der oberflächlichen Denk- und Lebensweise der New Yorker Schickeria. Man muss sich dann aber fragen, ob es für einen amerikanischen Hochstapler mit dem richtigen Auftreten nicht ebenso möglich gewesen wäre, ähnliches wie Anna in Berlin, Wien oder Zürich zu vollbringen. Und ob Annas Geschichte nicht New York, sondern eher die statusgierige moderne Gesellschaft insgesamt widerspiegelt.

Bei Anna ist von Reue keine Spur. „Ja, sie habe vielleicht ein paar Dinge falsch gemacht, aber dafür hunderte ‚richtig‘“. Solche Statements führen sicher auch dazu, dass das Gericht im Mai einen von der Verteidigung vorgeschlagenen Deal abschlug, nach dem Sorokin eine Haftstrafe von 3 Jahren, statt der maximal möglichen 15 Jahre, bekommen hätte. Der Richterin soll es besonders missfallen haben, dass sich Anna, statt Reue zu zeigen, große Sorgen darüber machte, wer sie in dem Film spielen würde, den Netlix über sie plant (das Medienhaus hat die Filmrechte für den Artikel von Jessica Pressler gekauft). Nach Annas Meinung wäre Jennifer Lawrence und Margot Bobbie akzeptabel. Lindsay Lohan aber nicht, da sie zu alt.

Wenn es wieder News zu Anna gibt, finden Sie sie hier auf New York Aktuell.

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