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Er steht für New York wie kaum ein anderer Künstler – große Retrospektive definiert Andy Warhol neu

Andy Warhol 1965 mit Model Edie Sedgwick und Promoter Chuck Wein – Foto Burt Glinn

Den meisten Menschen ist Andy Warhol eigentlich nur durch seine Siebdrucke aus den 1960er Jahren bekannt, hier besonders die Campbell Tomatendosen. Das Werk des Künstlers, der Popkultur wie kaum ein anderer mitgeprägt hat, war aber viel reichhaltiger und vielseitiger. Dem trägt das Whitney Museum in Manhattan mit der größten Warhol Retrospektive seit 30 Jahren Rechnung. Die Ausstellung ‘Andy Warhol—From A to B and Back Again’ läuft bis zum 31. März. Wer war Andy Warhol?

Andy Warhol wurde 1928 in Pittsburgh geboren. Der spätere Kunst-Superstar stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Er war der jüngste von drei Söhnen einer Bauernfamilie, die aus dem Nordosten der heutigen Slowakei nach Amerika einwanderte. Im Alter von acht Jahren erkrankte Warhol an Veitstanz (Chorea minor). In dieser Zeit entwickelte das oft bettlägerige Kind ein starkes Interesse für Filme und Comics und entdeckte seine Leidenschaft für alles Grafische. Mit 17 bekam der talentierte Andy einen Studienplatz im renommierten Carnegie Institute of Technology in Pittsburgh. Nachdem er 1949 seinen Abschluss in Malerei und Design machte, zog er mit seinem Kommilitonen, dem Künstler Philip Pearlstein, nach New York, dem künstlerischen Zentrum der USA.

Ende der 1950-er Jahre zählte Warhol zu den erfolgreichsten Werbegrafikern in New York. Sein Ziel war es aber ein anerkannter Künstler zu werden. Anfang der 1960-er begann er, Siebvorlagen von alltäglichen Motiven zu machen, aus denen er dann Bildserien produzierte. 1962 bekam Warhol seine erste Einzelausstellung. Er fertigte hierfür 32 fast identische Bilder der Konservendosen von Campbell’s Suppen an (es gab die Suppenkonserve in 32 verschiedenen Geschmacksrichtungen). Warhols Arbeit fand erst einmal nur wenig Kaufinteresse und Verständnis. Ein anderes Werk aus dieser Zeit, das später ikonisch werden sollte, ist die Colored Mona Lisa.

Colored Mona Lisa – 1964

1964 stelle sich aber mit der Ausstellung ‘The American Supermarket’ auch der Erfolg ein. In dieser Zeit zog Warhol in ein neues Studio mitten in Manhattan, das er ‘Factory‘ nannte. Dies wurde Anziehungspunkt für die New Yorker Bohème. Tänzer, Transvestiten, Möchtegern-Schauspieler, Maler, Musiker – alles und jeder versammelte sich nach und nach hier. Man konnte in der Factory tun und lassen, was man wollte. Dies gab Warhol selbst Gelegenheit, seine zweite Leidenschaft auszuleben: Film und Fotografie. Warhol bat Besucher sogenannte Screen Tests („Probeaufnahmen“) zu machen. Man musste sich auf einen Stuhl setzen, wurde von einer grellen Lampe angestrahlt, dann schaltete Warhol die Kamera ein und ging weg. Man war drei Minuten, bis die Filmrolle durchgelaufen war, mit sich selbst und dem Objektiv vor dem Gesicht allein. Die Ergebnisse sind oft faszinierend, manche Personen versuchen „cool“ zu bleiben, andere werden sehr nervös und zünden sich eine Zigarette an, wieder andere bekommen einen Heulkrampf. Warhol nahm hunderte dieser Filmchen auf, unter ihnen sind auch Promis wie Mick Jagger, Salvador Dali, oder Marcel Duchamp (auf dem Video unten sehen Sie Screentest mit dem 23-jährigen Bob Dylan). Warhol drehte auch experimentelle Spielfilme, der bekannteste ist Chelsea Girls. 1968 war ein Tiefpunkt für Warhol, als die selbst ernannte, geistig verwirrte Frauenrechtlerin Valerie Solanos versuchte, ihn aus bis heute unverstandenen Gründen zu erschießen. Warhol kam mit dem Leben davon, aber trug körperliche und seelische Schäden davon, die ihn bis zu seinem Lebensende begleiten sollten.

Die 1970-er Jahre waren von der Fließbandproduktion von Porträts gekennzeichnet. Warhol portraitierte jeden, der ihm das geforderte Honorar bezahlte. Seine oft prominenten, aber immer zahlungskräftigen Kunden lichtete er in seinen Sessions (Sitzungen) mit der Polaroidkamera ab, die er anschließend zur Belichtung der Druckschablonen für seine Siebdrucke gab. In dieser Zeit machte Warhol auch unendliche Tonbandaufnahmen und fotografierte für sein 1969 gegründetes Magazin hemmungs- und scheinbar wahllos Stars und Sternchen der New Yorker Szene ab. Gern und schonungslos kompromittierten er und seine Mitarbeiter ihre oft alkoholisierten oder drogenberauschten Interviewpartner mit den Artikeln und Fotografien ihrer Zeitschrift.

Warhol Portrait der Modedesignerin Caroline Herrera – typisch für seine Arbeiten aus den 1970er Jahren

In den 1980-er Jahren arbeitete Warhol viel mit befreundeten Künstlern, wie Keith Haring oder Jean-Michel Basquiat zusammen (Beide wurden selbst Superstars in der Kunstwelt und starben jung). In dieser Phase entstanden einige gemeinsame Gemälde. Jeder Künstler arbeitete hierbei in seiner eigenen Technik und kombinierte sie auf einer Leinwand. 1984 war Warhol auf der Gruppenausstellung „Von hier aus – Zwei Monate neue deutsche Kunst“ in Düsseldorf vertreten. 1985 nahm er gemeinsam mit Joseph Beuys und dem japanischen Künstler Kaii Higashiyama am „Global-Art-Fusion“ Projekt teil. Dies war ein vom Konzeptkünstler Ueli Fuchser initiiertes, interkontinental ausgelegtes FAX-ART Projekt, bei dem ein Fax mit Zeichnungen aller drei beteiligten Künstler innerhalb von 32 Minuten um die Welt gesandt und im Museum Moderner Kunst im Wiener Palais-Liechtenstein empfangen wurde. Dieses Fax sollte ein Zeichen des Friedens während des Kalten Krieges darstellen.

Paramount – eine Kollaboration von Warhol und Jean Michel Basqiuat – 1984

Seine letzten großformatigen Arbeiten sollte ‘Last Supper’ die Auseinandersetzung mit Leonardo da Vincis Abendmahl werden. Der riesige Gemäldezyklus umfasst über 100 meist traditionell mit dem Pinsel gemalte Bilder, teilweise über 4 × 10 Meter groß. Am Morgen des 22. Februar 1987 verstarb Warhol überraschend und unter bis heute ungeklärten Umständen an den Komplikationen einer Gallenblasenoperation im New York Hospital in Manhattan.

Ein Bild aus dem Zyklus ‘The last Supper’.
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