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Rennen gegen die Zeit – wie New York 1947 fünf Millionen Menschen in zwei Wochen gegen Pocken impfte

von Erol Inanc
Gründer New York Aktuell
15-02-2021

New Yorker warten darauf, geimpft zu werden. Foto: Life Magazine.

Die Pocken sind eine der schlimmsten Krankheiten, die die Menschheit je heimgesucht hat. Einmal zu husten, zu niesen oder eine einzige Berührung können ausreichen, um einen anderen Menschen zu infizieren. Wenige Tage nach Ansteckung machen sich Fieber, Schmerzen und Übelkeit bemerkbar, dann sprießen flüssigkeitsgefüllte Pusteln im Gesicht und breiten sich am ganzen Körper aus. Mehr als zwei von zehn Fällen verlaufen tödlich. Diejenigen, die überleben, sind nach Überstehen der Krankheit meist vernarbt, oft sehr stark, viele werden blind, erleiden Lähmungen oder Hirnschäden.

1796 entwickelte der englische Doktor Edward Jenner einen ersten wirksamen Impfstoff, der dann immer weiter verbessert wurde. In den USA wurde es nach einem Ausbruch 1902 Pflicht, sich impfen zu lassen und es gab danach jahrzehntelang so gut wie keine Fälle mehr.

Am 1. März 1947 stiegen der 47-jährige amerikanische Geschäftsmann, Eugene Le Bar und seine Frau nach einer langen Busfahrt von Mexiko-Stadt mit Ziel Maine in einem Hotel in Manhattan ab, weil Le Bar sich unwohl fühlte und die beschwerliche Reise nicht fortsetzen wollte. Nach etwas Sightseeing fiel er erschöpft mit Kopf- und Nackenschmerzen ins Bett.

Am 5. März wurde Le Bar mit einem 40,5 Grad Fieber und einem eigentümlich aussehenden Hautausschlag im Gesicht und an den Händen ins Bellevue Krankenhaus in Manhattan eingeliefert. Drei Tage später überstellte man ihn ins Willard Parker Hospital, wo man sich auf ansteckende Krankheiten spezialisierte. Die Ärzte konnten keine definitive Diagnose geben. Da Le Bar eine Pockenimpfnarbe hatte, schlossen sie diese Krankheit aus.

Das Willard Parker Hospital in Manhattan am East River Höhe 16. Straße. Es schloss 1955.

Der Geschäftsmann starb am 10. März. Bald danach gab es bei drei weiteren Patienten des Krankenhauses die gleichen Symptome. Erst beim 22 Monate alten Baby Patricia aus der Bronx, dann beim 27-jährigen Ismael Acosta aus Harlem und schließlich beim 30 Monate alten John. Die Ärzte dachten an Windpocken, aber die Ausschläge der Patienten passten nicht zu dieser Diagnose. Die Mediziner waren mit ihrem Latein am Ende und baten das U.S. Army Medical School Laboratory in Washington, Tests durchzuführen. Am 2. April bekamen sie die Ergebnisse – es waren die für ausgemerzt geglaubten Pocken!

Das war ein Schock, denn Le Bar war war fast mit Sicherheit gegen die Krankheit geimpft worden. Er war wahrscheinlich jemand, bei dem der Impfstoff nicht wirkte oder bei dem die Immunität abstarb, glaubten die Mediziner. Gab es mehr solche Fälle als gedacht, könnte sich die Krankheit jetzt wieder ausbreiten? 

New Yorks Health Commissioner (in etwa städtischer Gesundheitsminister) Dr. Israel Weinstein wurde sofort vom Auftreten der Pocken unterrichtet. Er wusste, dass es nur eine Möglichkeit gab, den Virus zu bekämpfen: Impfungen. Er verlor keine Zeit. Nur Stunden nachdem die Testergebnisse aus Washington kamen, hielt er eine Pressekonferenz ab. Er forderte alle New Yorker auf, sich umgehend impfen zu lassen, auch wenn sie schon als Kinder geimpft wurden, da es möglich sei, dass sie trotzdem nicht immun seien. 

Dr. Weinstein impft Mitarbeiterinnen – Foto New York Times

Diese beherzte Vorgehensweise hatte ihre Risiken. Die Ankündigung hätte Massenhysterie auslösen können, auch waren Impfstoffe 1947 nicht so rigoros getestet wie heute. Das damals verwendete Mittel hatte Nebenwirkungen, die nur sehr selten auftraten, aber gefährlich sein konnten, besonders bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem und solchen mit bestimmten Hauterkrankungen.

Dr. Weinstein setzte auf Klarheit und Transparenz, als er den Menschen vermittelte, wie wichtig die Impfungen seien. In einer Reihe täglicher Radioansprachen forderte der Health Commissioner die New Yorker auf, ihrer Bürgerpflicht nachzukommen und sich impfen zu lassen – zum eigenen Schutz und dem der Allgemeinheit. Es gäbe absolut keine Entschuldigung dafür, dass jemand sich und andere Menschen nicht schützz, so Dr. Weinstein.

Menschen warten vor Krankenhaus auf ihre Impfung.

Zu Beginn der Impfoffensive hatte die Stadt nur 250.000 Dosen in ihrem Besitz. Dr. Weinstein ließ 780.000 Dosen von Militärstützpunkten in Kalifornien und Missouri einfliegen. Vor allem nahm er aber Hersteller in die Pflicht, alle verfügbaren Bestände sofort auszuliefern und Millionen von Dosen in kurzer Zeit zu produzieren. 

Die gewaltige Impfaktion kam verblüffend schnell auf Touren, vor allem dank der vollen Kooperation der Bevölkerung. Für die Menschen waren Impfungen eine Selbstverständlichkeit. Viele wurden als Soldaten im Zweiten Weltkrieg gegen eine Vielzahl von Viren geimpft oder kannten Menschen, die als Erwachsene immunisiert wurden. Der Glauben an Wissenschaft war groß, dass Misstrauen gegenüber staatlichen Anordnungen fast nicht existent. Es war auch der Höhepunkt der Polio Epidemie und die Menschen wussten, was ansteckende Krankheiten anrichten konnten. (Für Polio gab es zu der Zeit noch keinen Impfstoff.) Da die Impfungen kostenlos waren gab es auch keine finanzilellen Barrieren.

Lederle Labs in Pearl River, New York, stellte kurzfristig viel Impfstoff her – Foto New York TImes

Bald nachdem Dr. Weinstein zu der monumentalen Initiative aufrief, standen die New Yorker vor Krankenhäusern, Polizeistationen, Büchereien und anderen öffentlichen Einrichtungen Schlange, um geimpft zu werden, oft bei eisigem Regen. Nicht nur Ärzte, Krankenschwestern, Apotheker und andere medizinische Profis immunisierten Menschen. Auch Tausende Freiwillige machten, bewaffnet mit einem Fläschchen Impfstoff, ihre Runden – oft auch in Schulen, wo Kinder vor Ort geimpft wurden. Insgesamt wurden in einem Monat 6,3 Millionen New Yorker immunisiert, fünf Millionen von ihnen in den ersten zwei Wochen der Aktion.

Am 10. Mai, zehn Wochen nachdem Eugene Le Bar in Manhattan aus einem Bus gestiegen war, teilte Dr. Weinstein freudig mit, dass die Gefahr vorüber sei. Am Ende gab es 12 Infektionen und zwei Menschen starben. Es sind keine Todesfälle durch Nebenwirkungen des Impfstoffs bekannt.

Schüler werden geimpft – Foto New York Times

Wäre eine solch gewaltige, rapide ausgeführte und erfolgreiche Impfaktion heute in New York oder sonst wo in Amerika möglich? Viele Experten glauben nein.  Da sind erst einmal die gravierenden medizinische Unterschiede zwischen damals und heute. 1947 hatte sich das Impfen gegen Pocken schon 150 Jahre bewährt, das Vakzin war nicht neu und unvertraut.

Aber auch andere Faktoren spielen eine Rolle, vielleicht sogar wichtigere. Es gibt vierlerts großes Misstrauen gegenüber Autoritäten, Medien und Wissenschaft. Zu unterschiedlich die Meinungen bei den wichtigen Fragen der Zeit, zu stark der Drang von Meinungsmachern, sich in der Öffentlichkeit zu profilieren und zu schwer fällt es der Gesellschaft eine solche Initiative nicht zu politisieren.

Bei der Impfaktion 1947, zogen Bürger, Experten und Politik an einem Strang, glaubt Charles Di Maggio Professor für Bevölkerungsgesundheit an der New York University. Heute wollen sich, je nach Umfrage bis zu 40 % der Amerikaner nicht einmal impfen lassen.

Natürlich birgt ein solch kompromisslos und schnell ausgeführter Plan große Risiken. Wäre Dr. Weinstein falsch gelegen oder wäre viel bei der Ausführung schiefgelaufen, wäre er statt als Held vielleicht als gefährlicher Gesundheitsdiktator, der Menschenleben auf dem Gewissen hat, in die Geschichte eingegangen, Auch die Erosion des öffentlichen Gesundheitsszstems spielt eine große Rolle. “Es fast wie in einem Krieg: Damals hatten wir eine marschbereite Armee für solche Zwecke, heute im Kampf gegen Corona müssen wir so schnell es geht Truppen irgendwie zusammenstellen.” so Professor Di Maggio.

1980 konnte die Weltgesundheitsorganisation die Pocken, denen alleine im 20. Jahrhundert weltweit 300 Millionen Menschen zum Opfer fielen, zu einer besiegten Krankheit erklären.  

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