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Seit Ausbruch der Pandemie spürbarer Anstieg von Obdachlosen, die in New Yorker U-Bahn Tunneln leben

Wie dieser Tunnel unter dem Times Square sehen viele U-Bahn-Tunnel in New York aus. Der weiße Haufen ist Müll, der von Arbeitern gesammelt und zwischengelagert wurde.
Foto Flickr 55fzon

1993 erschien ein Buch, in dem Autorin Jennifer Toth die Welt Tausender Obdachloser beschrieb, die angeblich in den U-Bahn-Tunneln New Yorks leben. Die Autorin gab ihnen den Namen ‘Mole (Maulwurf) People’, was auch der Titel ihres Buchs wurde.

Es stellte sich später heraus, dass vieles in Mole People erfunden oder stark übertrieben war, aber der weltweite Erfolg des Buchs ließ eine Legende von Tausenden Menschen, die kolonieartig in U-Bahn-Tunneln leben, entstehen, die oft auch heute noch geglaubt wird.

Mole People mag nicht realistisch gewesen sein, aber es gibt tatsächlich Obdachlose, die in U-Bahn-Tunneln leben, besonders in der kalten Jahreszeit. (Die Größenordnung liegt aber bei Dutzenden, nicht Hunderten oder Tausenden.)

Arbeiter des U-Bahn-Betreibers ‘Metropolitan Transit Authority‘ (MTA) glauben laut eines Berichts in der Daily News, dass es dieses Jahr spürbar mehr sind als sonst. Als einen Hauptgrund sehen sie die nächtliche Stilllegung der Bahnen von 1 bis 5 Uhr für COVID-bedingte Reinigung und Desinfizierung. Es ist das erste Mal in der Geschichte der Subway, dass sie nicht 24 Stunden am Tag durchfährt. Menschen, die normalerweise in den Waggons schlafen, müssen anderswo übernachten und manche zogen in die Tunnels.

“Letzte Woche sah ich einen Obdachlosen an der Fifth Avenue Station auf der R-Linie, der über das Schienenbett auf den Bahnsteig kam. Er wohnte im Tunnel”, sagte ein U-Bahn-Fahrer der Zeitung. (Er wollte wie seine Kollegen, mit denen die Daily News sprach, anonym bleiben, um sich keinen Ärger mit seinem Arbeitgeber einzuhandeln). 

Jede Nacht von 1 – 5 Uhr liegen die Bahnen still um gereinigt zu werden – Foto Joe Olsten

Fahrer auf den Linien B, D, F und M sagten, sie hätten bei ihren Chefs zwei Jahre lang Alarm geschlagen, damit etwas wegen eines Manns unternommen wird, der manchmal zwischen Gleisen südlich des Broadway-Layfette-Bahnhofs schläft, aber nichts geschah.

Ein im September aufgenommenes Video (siehe Twitter Post oben) zeigt den Mann, ein paar Meter von den Gleisen entfernt, eingerollt in einem weißen Leintuch. Auf einem neueren Foto (unten), das von einem Zugführer geschossen wurde, ist der unterirdische Lagerplatz des Obdachlosen zu sehen.

Natürlich ist es gefährlich, sich in den Tunnels aufzuhalten. Anfang November fanden Gleisinspektoren die sterblichen Überreste eines obdachlosen Manns in einem Zugtunnel südlich der Wall Street Station, der von den Linien 2 und 3 genutzt wird.

Obdachloser in der U-Bahn im Hintergrud – Stilllegung der Subways von 1-5 Uhr hat ihnen das Leben erschwert – Foto Paul Costello

Der Körper wies schwerste Verbrennungen auf und war zum großen Teil verwest, mehrere Gliedmaßen waren abgetrennt. Die Behörden vermuten, dass der Mann mit dem Third Rail, der Schiene, durch die der Starkstrom läuft, in Kontakt kam.

Nicht nur in den Tunnels, auch anderswo im U-Bahn System leben Obdachlose (Twitter / @fionaET)

MTA, Polizei und das Department of Social Services (DSS) geben sich gegenseitig die Schuld. “Es liegt in der Verantwortung des Department of Social Services, dieses Problem an der Wurzel zu packen und schutzbedürftigen New Yorkern Obdach und Zugang zu medizinischer und psychischer Behandlung zu verschaffen”, sagte MTA-Sprecher Ken Lovett. Die Polizei ließ verlautbaren, dass sie sich wegen Budgetkürzungen nicht mehr um Probleme mit Obdachlosen im U-Bahn System kümmern kann, es sei Sache des DSS. Gouverneur Cuomo nannte die Situation ekelhaft und dass Menschen, die in Zügen schlafen, entfernt werden und in Obdachlosenheime kommen (in die sie aber oft nicht wollen) und forderte die Stadtbeamten auf, zu versuchen, sie in Obdachlosenunterkünfte zu bringen.

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