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Polizeibrutalität in New York – Fälle, die Stadtgeschichte schrieben

Foto: Reuters.

Polizeibrutalität in den USA ist nach dem schrecklichen Tod von George Floyd in Minneapolis in den Fokus der Welt gerückt. Natürlich ist das Thema nicht neu, und in New York gab es über die Jahrzehnte immer wieder Taten, die die Stadt aufwühlten, tagelang die Medien beherrschten und zu Protesten führten. Hier sind einige Fälle, die Stadtgeschichte schrieben:

Wohl jeder, der in den 1980er Jahren in New York lebte, kann sich an den Tod von Eleanor Bumpurs erinnern, schon weil das Opfer dem ‘normalen‘ Profil so gar nicht entsprach.

Der Fall Eleanor Bumpurs schrieb New Yorker Geschichte

Die 66-jährige Großmutter sollte 1984 aus ihrer Sozialwohnung im Sedgwick Houses Sozialwohnungskomplex in der Bronx zwangsgeräumt werden, weil sie vier Monate ihre 100 Dollar Miete nicht bezahlte. (Die Sedgwick Houses gelten übrigens auch als Geburtsort der Hip-Hop Music).

Die alte Dame hatte offensichtliche psychische Probleme. Beispielsweise beklagte sie sich einige Wochen vor ihrem Tod bei der Hausverwaltung, dass “Leute durch die Fenster, die Wände und die Böden kommen und mich abzocken”. (Dies war auch der Grund, warum sie die Zahlung der Miete verweigerte). Ein Psychiater erklärte sie für unzurechnungsfähig.

Am Morgen des 29. Oktober teilte Bumpurs den Mitarbeitern der Wohnungsverwaltung, die gekommen waren, um sie zu räumen, mit, dass sie die nächste Person, die an ihre Tür kommt, mit kochender Bleichlauge übergießen werde. Die NYPD Emergency Service Unit – eine Polizeieinheit, dessen Mitglieder speziell dafür geschult sein sollen, emotional gestörte Menschen in Gewahrsam zu nehmen – wurde gerufen.

Der Sedgwick Houses Sozialwohnungskomplex – hier starb Eleanor Bumpurs – Foto Ed Kueppner

Sie bohrten das Schloss aus der Wohnungstür heraus, und konnten sehen, wie die Frau nackt mit einem langen Küchenmesser in der Hand in ihrem Wohnzimmer stand. Die Beamten öffneten dann gewaltsam die Tür und betraten das Apartment. Sie versuchten, Bumpurs mit Plastikschilden und einer speziellen Y-förmigen Metallstange zurückzudrängen, aber sie kämpfte sich frei, wedelte mit dem Messer herum und versuchte, einen der Cops zu schlagen. Dessen Partner, Officer Stephen Sullivan, feuerte dann zwei tödliche Schüsse auf die Frau.

Die Staatsanwaltschaft reichte gegen Sullivan Anklage wegen ‘Manlaughter’ (in etwa Totschlag) ein, aber ein Richter bestimmte, dass es nicht genug Beweise gab, um den Fall zuzulassen. Am Tag nach diesem Entscheid sagte Sullivan der Presse: “Ich bin sehr glücklich, ekstatisch.” Auf die Frage, ob er unter ähnlichen Umständen wieder schießen würde, antwortete er: “Ja, das würde ich tun.”

Am Thanksgiving Day 1976 wurde die Polizei zu den ‘Cypress Hill Houses‘ gerufen, einem Sozialwohnungskomplex im East New York Viertel von Brooklyn, der als einer der härtesten der Stadt galt. Es soll dort ein bewaffneter Mann gesichtet worden sein. Als die Officer Robert Torsney, Matthew Williams und ein weiterer Kollege einmal im Gebäude waren, kamen der 15-jährige Randolph Evans und fünf weitere Kinder auf die Polizisten zu. Torsney erschoss den Jungen unvermittelt aus weniger als einem Meter Entfernung.

Die Mutter von Randolph Evans bei seiner Beeridigung

Nachdem er Evans erschossen hatte, unternahm Torsney nichts, um dem Jungen zu helfen, sondern ging zu seinem Streifenwagen, stieg ein, entfernte die verbrauchte Patrone aus seiner Waffe und ersetzte sie in aller Ruhe durch eine weitere Kugel. Williams, der bereits im Fahrzeug saß, als Torsney den Jungen erschoss, fragte: “Was hast du getan?” Torsney antwortete: “Ich weiß es nicht, Matty. Was habe ich getan?”

Es wurde nie ein Grund gefunden, warum Torsney das Kind erschoss. Seine Verteidiger konnten die Geschworenen aber überzeugen, dass er zur Zeit der Tat, zum ersten Mal in seinem Leben, eine bestimmte Art von epilepsieartigem, psychotischem Anfall erlitt (Automatism of Penfield), der so selten diagnostiziert wurde, dass selbst die meisten medizinischen Experten noch nie davon gehört hatten. Die Jury, alles Weiße, befand Torsney wegen Unzurechnungsfähigkeit für nicht schuldig. Er wurde schon 1979 aus der Psychiatrie entlassen, weil er ‚keine Gefahr für die Gesellschaft‘ darstellte.

Torsney vor Gericht

1978 wurde der Geschäftsmann Arthur Miller aus Brooklyn von einer Gruppe Polizisten zu Tode geprügelt. Millers Bruder Samuel stritt zuvor mit zwei Cops, die ihn in der Crown Heights Gegend von Brooklyn, damals ein Ghettoviertel, wegen Fahrens ohne Führerschein verhaften wollten. Der unbewaffnete Miller mischte sich ein, und die Polizisten forderten Verstärkung an. Etwa 16 Cops prügelten Miller dann zu Tode.

1994 wurde ein Mann aus der Bronx, Anthony Baez, vom Cop Francis Livotti zu Tode gewürgt, nachdem Baez und einige Freunde, die Football spielten, Livottis Auto mit dem Ball trafen. Der Richter, der den Polizisten später verurteilte, kritisierte das NYPD scharf dafür, dass Livotti trotz neun früheren Bürgerbeschwerden wegen Brutalität immer noch im Dienst war.

New Yorker demonstrieren nach dem Tod von Anthony Baez – Foto NY Times

In den Morgenstunden des 9. August 1997 verließ Abner Louima, ein haitianischer Einwanderer, den Nachtclub Club Rendez Vous in East Flatbush in Brooklyn. Zur gleichen Zeit versuchten Polizisten eine Menschenmenge vor dem Club zu vertreiben. Jemand schlug dabei Offizier Justin Volpe ins Gesicht. Volpe dachte irrtümlich, dass es sich bei dem Angreifer um Louima, einem 30-jährigen Wachmann, handelte. Die Cops nahmen ihn fest und brachten ihn mit dem Mannschaftswagen ins 70. Revier. Dort hielten einige Polizisten Louima fest, während Volpe ihn mit dem Stil einer Saugglocke sodomisierte. Er wurde blutend auf dem Boden einer Zelle zurückgelassen und verbrachte danach zwei Monate im Krankenhaus.

Wie immer bei angeklagten Beamten verteidigte die Gewerkschaft der Polizei (Police Union) ihr Mitglied vehement. Marvyn Kornberg, Volpes Anwalt, behauptete sogar, dass Louima sich die Verletzungen durch harten Sex in einem Schwulenclub zugezogen haben könnte. Am Ende wurde Volpe aber zu 30 Jahren Haft verurteilt.

1999 wurde der afrikanische Einwanderer Amadou Diallo auf den Stufen seines Apartmentgebäudes in der Bronx erschossen, als eine Gruppe Cops von der NYPD Street Crimes Unit 41 Schüsse auf ihn feuerten. Sie hielten ihn versehentlich für einen Verdächtigen in einer Vergewaltigung, die sich einige Stunden vorher zutrug. Die Cops gaben insgesamt 41 Schüsse ab und wurden danach freigesprochen; NYPD Street Crimes Unit wurde aufgelöst. (Bruce Springsteen schrieb später den Song ‘American Skin-41 Shots‘ über den Vorfall, hier ein Video davon.)

Die Liste ließe sich fortsetzen mit Opfern wie Patrick Dorismond, Ousmane Zongo, Timothy Stansbury, Sean Bell, Ramarley Graham und Eric Garner – Namen, die auch Jahre später immer wieder bei Protesten skandiert werden – wie auch nach dem Tod vom George Floyd.

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