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Ohne Broadway Shows ist die Zukunft New Yorks kaum vorstellbar – aber die Branche steht vor gewaltigen Problemen

Foto – Anne Willis

Es wird schwer sein, von einem relativ ‚normalen‘ New York zu sprechen, bevor die Broadway Theater wieder aufmachen. Zu wichtig ist die Branche für die Wirtschaft, aber mehr noch für die Identität der Stadt.


2019 besuchten über 17 Millionen Menschen eine Show und bezahlten fast 2 Milliarden Dollar für Tickets, so der Branchenverband Broadway League. 67 Prozent der Zuschauer kamen von weit her, mehr als jeder fünfte aus dem Ausland. Jeden Tag wurden 50.000 Tickets verkauft und am Matinee-Samstag doppelt so viele. Der tatsächliche wirtschaftliche Beitrag geht über die Ticketpreise hinaus. Eine Show zu besuchen ist für viele Menschen der Hauptgrund, oft sogar der Einzige, um nach New York zu kommen, sodass Hotelrechnungen und Restaurantbesuche auch zum wirtschaftlichen Gewinn beitragen.


Der Broadway steht als Wahrzeichen New Yorks wie kaum etwas anderes.

Foto via Washington Post


Leider gehört die Branche zu denen, die am härtesten von der Pandemie betroffen sind, denn fast alles, was zu einer erfolgreichen Produktion gehört, wird durch COVD-19 erschwert oder sogar unmöglich gemacht.


Backstage wird es eng, manche Umkleidekabinen sind nicht viel größer als ein Wandschrank, oft teilt man sie sich. Viele der Theater sind alt, und bei Einrichtungen wie Ventilationssystemen nicht auf dem neuesten Stand. Auf der Bühne ist Social Distancing sowieso keine Option!

Die 40 Broadway Theater – Illustration Broadway League


Abstand halten im Publikum kann nicht wirtschaftlich umgesetzt werden. Die Produktionen kosten Millionen und die Theater, die meist zwischen 1.000 und 2.000 Plätze haben, müssen voll sein, damit sich Aufführungen lohnen.

Diese Probleme treffen eine Branche, die schon immer unberechenbar war. Für jeden Hit wie “Chicago”, “Lion King” oder “Phantom of the Opera” (erfolgreichstes Musical aller Zeiten mit mittlerweile über 12.000 Vorstellungen), die jahrelang aufgeführt wurden, gab es viele Shows, die nicht lange durchhielten und sang- und klanglos verschwanden. Bei vielen Produktionen, insbesondere Theaterstücken, kalkuliert man zwar von vornherein ein, dass sie nur eine bestimmte Zeit laufen; diese wird aber trotzdem oft nicht erreicht.

Kein Musical lief je länger als Chicago – unglaubliche 21 Jahre und kein Ende in Sicht. Foto – Bob Foster


Bei vier von fünf Produktionen verlieren die Anleger, über die die Finanzierung einer Show normalerweise läuft, zumindest einen Teil ihres Einsatzes. Dass die Chancen auf einen Gewinn schlecht stehen, wissen die Investoren aber schon vorher, weshalb fast nur reiche Theater- und Musical-Liebhaber Geld anlegen.

Die Branche tut ihr Bestes, um sich auf eine Öffnung der Theater vorzubereiten. “Wir haben Abläufe für fast 200 Aufgaben, die bei einer Aufführung erledigt werden müssen, festgelegt. Immer mit Blick auf die Verminderung des Ansteckungsrisikos”, so Charlotte St. Martin, Präsidentin der Broadway League.

“Wir haben uns über alle Aspekte Gedanken gemacht. Wie schützt man beispielsweise eine Garderobiere, die sich um die Perücken der Schauspieler kümmert? Wir wollen einen detaillierten Plan für die Zeit, in der es wieder losgeht, haben.”

Sich auf einen Plan zu einigen wird nicht unbedingt einfach sein, denn es werden verschiedenen Gruppen mit unterschiedlichen Interessen am Tisch sitzen. Da sind die Gewerkschaften, die in der Branche sehr stark sind und ohne die nichts läuft. (Jeder, der direkt an der eigentlichen Aufführung mitwirkt – also Schauspieler, Bühnenarbeiter, Stylisten und andere – gehören ausnahmslos einer Gewerkschaft an.) Andere wichtigen Gruppen sind die Theaterbesitzer und Produzenten.

Der Broadway vor Corona – Foto Anne Willis

Dazu schweben die Fragen im Raum, auf die noch niemand eine Antwort hat. Wann werden Leute New York wieder in großer Anzahl besuchen? Wie viele wollen dann eine Broadway Show sehen und welche? Die wichtigste: Wie wird der medizinische Fortschritt sein? Wird man in absehbarer Zeit einen Impfstoff haben oder wenigstens Soforttests?

Die großen Namen wie Lion King, Chicago oder Phantom of the Opera werden einen großen Vorteil haben, wenn Aufführungen irgendwann wiederbeginnen. Sie sind der Welt bekannt und haben Zugang zu genug Geld, um eine Durststrecke zu überwinden. Hinter Lion King steht beispielsweise Disney. Was aber ist mit den kleineren Shows? Können sie überleben, oder wird es ein Broadway werden, in dem es nur die immergleichen Megashows gibt?

Trotz aller Herausforderungen gibt es viel Optimismus in der Branche. “Ich glaube, dass wir es bis zum Frühjahr schaffen. Es wird eine Explosion der Kreativität geben, wenn wir zurückkehren. Wir sehnen uns danach!”, so Charlotte St. Martin.

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