New York 360

Ein Sommer ohne Beispiel – ein Rückblick auf die letzten drei Monate in New York

Coney Island – die Menschen versuchen so gut es geht Abstand zu halten – Foto Paul Kearsey

In den USA hat der Sommer einen bestimmten Anfang und ein ebenso klares Ende. Er reicht vom Memorial Day, dem letzten Montag im Mai, bis zum Labor Day, den ersten Montag im September. Jemand, der diese gut drei Monate dieses Jahr in New York erlebte wird sie wohl nie vergessen.

Der Sommer fing mit hervorragenden Nachrichten an. Am 1. Juni konnte man mit 124 die niedrigste Anzahl von COVID-19 bedingten Krankenhauseinlieferungen seit Ausbruch der Pandemie vermelden. Ein Trend, der sich noch weiter fortsetzten sollte.

George Floyd Proteste – Foto via AMNZ

Am 2. Juni verhängte Bürgermeister Bill de Blasio dann die erste Ausgangssperre in der Geschichte der Stadt, nachdem es an den Vortagen bei durch den Tod von George Floyd ausgelösten Protesten zu Vandalismus und Plünderungen kam. Die New Yorker sollten eine Woche lang ihre Wohnungen von 23 Uhr bis 5 Uhr nicht verlassen. Die Lage beruhigte sich recht schnell, und die Maßnahme wurde schon nach einigen Tagen gelockert.

Am 8. Juni begann Phase 1 eines vierstufigen Plans zur Wiedereröffnung New Yorks. Manche coronabedingten Beschränkungen für Baugewerbe, Fertigung, Großhandel und gewisse Arten von Einzelhandel wurden aufgehoben oder gelockert. Für die meisten Menschen hatte dies keine großen praktischen Auswirkungen, aber es war ein hoffnungsvolles Zeichen, dass man sich wieder in Richtung Normalität bewegt.

Die Arbeitslosenzahlen stiegen im Sommer immer weiter und landeten schließlich bei 20%, wo sie sich immer noch befinden. Die US-Regierung nahm aber viel Geld in die Hand, um die wirtschaftlichen Auswirkungen zu lindern. Jeder Arbeitslose bekam von Mitte März bis Ende Juli $600 in der Woche zusätzlich zur normalen Arbeitslosenhilfe – selbst Freiberufler, die nicht in die Kasse einzahlten. Für viele Menschen war das wirtschaftliche Überleben so erst einmal gesichert, einige hatten sogar mehr Geld als normal. (Das Programm ist mittlerweile ausgelaufen und seit Wochen wird auf Bundesebene darüber gerungen, wie ein neues aussehen soll. Die $600 pro Woche wird es aber fast mit Sicherheit nicht noch einmal geben.) Zwangsräumungen wegen Mietschulden wurden von Gouverneur Cuomo ausgesetzt und so wurde seit dem Ausbruch der Pandemie niemand obdachlos.

Arbeitsamt in Manhattan – Foto Paul Kearsey

Phase 2, die am 22. Juni eingeläutet wurde, brachte eine sehr spürbare Veränderung. Restaurants durften wieder servieren. Zwar nur draußen und mit den zu erwartenden Beschränkungen, aber die Stadt New York erlaubte es den Restaurants, Bürgersteige im großen Maß als Außenflächen zu nutzen. Dies wurde von den New Yorkern begeistert angenommen und auf manchen Blocks kam man sich schon fast wie an einem Ferienort vor.

Am 1. Juli entschloss sich die Stadt dazu, die Strände, die normalerweise am Freitag vor Memorial Day öffnen, doch noch freizugeben, natürlich mit den üblichen Einschränkungen. Hunderttausende strömten an heißen Tagen an den Atlantik.

Die Infektionslage verbesserte sich weiter und am 1. Juli verlangte Gouverneur Cuomo, dass sich Besucher aus US-Staaten, in denen die Zahlen steigen, bei ihrer Ankunft in New York in Quarantäne begeben müssen. 33 der 50 US-Staaten sind im Moment auf der Liste.

Der High Line Park, so leer wie nie – Foto Heather Ott

Die New Yorker erlebten das erste Mal einen Sommer mit wenigen Leuten auf den Straßen, denn die Menschen blieben mehr in ihren Wohnungen und Millionen Touristen und Pendler kamen erst gar nicht. Besuchermagnete wie der High Line Park oder der Central Park hatten so ein ungewohnt entspanntes Feeling. In den normalerweise hektischen Geschäftsvierteln hatte man das Gefühl, als sei es ein nie endender Feiertag.

Nachts war es jedoch oft alles andere als ruhig. In der ganzen Stadt wurden den Sommer über Feuerwerkskörper illegal auf Straßen und Hausdächern gezündet. Oft so laut, lange und in solch kurzer Abfolge, dass man sich manchmal fast schon in einem Kriegsgebiet glaubte. Wie viel davon mit Black Lives Matter Protesten zusammenhängt, wurde nie ganz klar, und mittlerweile flaute es wieder ab.

Es war ein merkwürdiger Sommer, der oft etwas Unwirkliches an sich hatte, aber alles in allem war es wohl keine schlechte Zeit für die meisten Leute.

Nach dem ‘Labor Day‘ (dieses Jahr fällt er auf den 7. September) startet das Leben normalerweise in praktisch allen Bereichen voll durch, fast schon schlagartig. Dieses Jahr wird es anders sein, wie sehr, weiß noch niemand.

Vieles, das das Leben im Sommer verschönerte und Verschnaufpausen ermöglichte, wie die Outdoor Restaurants und Strandbesuche, werden in naher Zukunft verschwinden. Die großen Probleme, die die Pandemie verursachte, werden sichtbarer und spürbarer werden. Die nächsten Monate könnten bezeichnend für die Zukunft der Stadt werden.

Die Natur ließ sich von Corona nicht beeindrucken: Manhattanhenge – Zwei Tage im Sommer, bei dem das Licht der untergehenden Sonne in nahezu gerader Linie durch die Häuserschluchten der ’Streets‘ scheint.
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