COVID-19

Die gewaltigen Auswirkungen von COVID-19 auf die Wirtschaft in New York – eine Übersicht

Foto – Alvin Doyes

7.7.2020 – COVID-19 hat in New York, einem der Epizentren der Pandemie, gewaltige wirtschaftliche Folgen mit sich gebracht. In diesem Artikel betrachten wir jeweils kurz die Auswirkungen in sieben wichtigen Bereichen: Stadtfinanzen, Immobilien, öffentlicher Nahverkehr (vor allem U-Bahn), Tourismus, Einzelhandel und Restaurants. Wir sehen uns außerdem an, was das alles für die Jobsituation in der Stadt bedeutet.

1-) Die New Yorker Stadtfinanzen gerieten durch Corona stark ins Schleudern!

Der New Yorker Stadtrat in Sitzung – Foto NY Times

Im Januar ging man noch davon aus, dass die Stadt für das Geschäftsjahr 2021 (beginnt im April) einen Überschuss von mehr als 4 Milliarden Dollar erwirtschaften würde, stattdessen gibt es nun ein gewaltiges Loch.

Die Gestaltung eines neuen Haushalts erwies sich dann auch entsprechend schwer, aber am Mittwoch (01.07.) wurde nach zähen politischen Verhandlungen zwischen Bürgermeister Bill De Blasio und dem City Council (Stadtrat) ein 88.1 Milliarden Budget verabschiedet.

“Seit langer, langer Zeit hatten wir keinen Haushalt, der uns so viele harte Entscheidungen abverlangte“, so de Blasio. “Wegen COVID-19 werden wir voraussichtlich 9 Milliarden Dollar weniger einnehmen. Diese gewaltige Summe muss irgendwie durch Einsparungen oder Aufnahme neuer Gelder abgedeckt werden.“

Viele, oft recht unpopuläre Kürzungen, haben es ins Budget für 2021 geschafft, darunter die Reduzierung des Nachtbetriebs auf der Staten Island Ferry und Abstriche bei Kunstprogrammen für Kinder. Die größte und auch politisch an der kontroversesten Entscheidung ist 1 Milliarde Dollar aus dem 6 Milliarden Budget des New York Police Department (NYPD) zu nehmen.

Wenn der Bund der Stadt nicht mehr Hilfen zur Verfügung stellt, müssten möglicherweise bis zu 22.000 städtische Arbeiter am 1. Oktober entlassen werden, so De Blasio. Der Stellenabbau könne auch abgewehrt werden, wenn der Staat New York der Stadt die notwendige Erlaubnis gibt, sich Geld zu leihen. Gouverneur Cuomo, Chef von New York State, hält dies derzeit für zu gefährlich.

2-) Erwartetes Sinken bei Immobilienwerten

Hudson Yards, ein gefeiertes Megaprojekt, hat nun Probleme, da der Bedarf für Büroraum und Luxuswohnungen schwindet – Foto Related Companies

Die langfristigen Auswirkungen der Coronavirus-Krise auf die Immobilienmärkte New Yorks sind natürlich noch unklar, aber es ist schwer vorstellbar, dass die Pandemie auf absehbare Zeit keine niedrigeren Preise nach sich ziehen wird. Hierfür gibt es auch schon erste Indikatoren.

  • Privatimmobilien

Laut einer Studie der Marktanalysten UrbanDigs ist der ‘Median Price’ für Wohnungen in Manhattan seit dem Ausbruch der Pandemie in New York um etwa 15 Prozent zurückgegangen, von $1.12 Millionen auf $960.000. (Der Medianpreis ist der Wert, der genau in der Mitte liegt, d.h. 50% der Transaktionen hatten höhere Preise, und 50% niedrigere.)

Auch die Mieten scheinen am Sinken zu sein. 70 Prozent der Wohnungen, die auf der großen Immobilienseite localize.city  zu finden sind, werden zu günstigeren Mieten angeboten, als vor der Krise – typischerweise 3 -5 % weniger.

Mag nicht nach viel klingen, aber fallende Preise gab es seit der Finanzkrise von 2008 nicht mehr. Auch gibt es derzeit sehr wenig Aktivität auf dem Markt, und es ist schwer zu sagen, ob diese Preise überhaupt den Markt widerspiegeln oder nicht um einiges mehr sinken werden, wenn das Transaktionsvolumen steigt.

Beim Ultraluxussegment herrscht weitgehende Einigkeit, dass sich die Preise derzeit sehr spürbar nach unten bewegen. So wurde das Penthouse mit Central Park Blick im One57-Gebäude (Foto oben) gerade für $28 Mio. verkauft. Der ursprüngliche Besitzer zahlte 2014, nach Fertigstellung des Turms, $47,4 Mio.

  • Gewerbeimmobilien

Am 22. Juni startete Phase 2 der Wiedereröffnung New Yorks und die gewaltigen Bürogebäude der Stadt durften ihren Betrieb unter bestimmten Auflagen wieder aufnehmen. Nur die wenigsten Angestellten kamen aber an ihren Schreibtisch zurück. In Midtown Manhattan, dem Viertel mit der weltweit größten Ansammlung von Büroflächen, fühlt sich auch 10 Tage später ein Mittwoch wie ein Sonntag an (sogar noch stiller, da keine Touristen in der Stadt sind).

Dies deckt sich auch mit einer Umfrage, die in diesem Monat von der ‘Partnership for New York City‘, einem wichtigen Wirtschaftsverband, durchgeführt wurde. 60 Entscheidungsträger bei Großfirmen wurden gefragt, welcher Anteil der Belegschaft, der vor COVID-19 im Büro arbeitete, bis Mitte August beziehungsweise bis Weihnachten wieder von dort aus tätig sein wird. Das Ergebnis war 10% bzw. 30%.

Über die Zukunft von Gewerbeimmobilien wird derzeit viel spekuliert, denn nicht nur Virusängste bewegen Leute dazu, nicht ins Büro zurückzukommen. Bei vielen New Yorkern klappte das erzwungene ‘Work-from-Home’ so gut, dass weder Angestellter noch Arbeitgeber darauf drängen zum alten Status Quo zurückzukehren. Selbst Optimisten glauben, dass es im besten Fall Jahre dauern wird, bis das Leben in den Geschäftsbezirken wieder dem ähnelt, das man aus den Zeiten vor Corona kennt.

Dias kann gewaltige Auswirkungen auf die Wirtschaft haben. Man muss nur an die hunderten von Restaurants denken, die von den Berufstätigen leben, die mittags aus den Büros strömten.

3-) Metropolitan Transit Authority (MTA) – Betreiber des öffentlichen Nahverkehres inkl. U-Bahn in Geldnot

Foto – Demitrios Hahn

Bereits vor dem Ausbruch von COVID-19 stand die MTA vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen, um Betrieb und Verbesserungen, vor allem im U-Bahn System, zu finanzieren.

Selbst nach einer Nothilfe durch den Bund von 3,7 Milliarden Dollar fehlen der MTA nach eigener Aussage immer noch 4.7 Milliarden, um die jährlichen Kosten zu decken. Ein großer Teil sei durch das zusammengebrochene Passagieraufkommen bedingt. Seit Ausbruch der Krise fuhren bis zu 90% weniger Menschen mit den öffentlichen Nahverkehrsmitteln.

Die MTA ist nicht Teil der Stadt oder Staat New York, aber erhält erhebliche Gelder von beiden. Derzeit versuchen sich Bürgermeister de Blasio und Gouverneur Andrew Cuomo den Schwarzen Peter bei der Bereitstellung weiterer Gelder zuzuspielen.

4-) Einzelhandel steht vor gewaltigen Problemen

Leere Ladenlokale – Foto Erol Inanc

Wie auf der ganzen Welt hat auch der Einzelhandel in New York mit Onlineanbietern zu kämpfen. Ein großes Plus des Standortes, der das Überleben oft erst ermöglichte, war bis vor kurzem die extrem hohe Menschendichte hier. Durch Corona Beschränkungen und weil viele Leute Plätze wie Ladenlokale nun vermeiden, vermindert sich dieser Vorteil stark. Auch die Attraktivität des Einkaufserlebnis kann durch COVID-19 leiden. 

Es ist schwer sich ein Szenario vorzustellen, in dem nicht viele Läden in diesem Umfeld untergehen werden. Auch wird vielen Einzelhändlern, die schon vor COVID-19 Probleme hatten, durch die Pandemie wahrscheinlich der Todesstoß versetzt.

5-) Gastronomie

Manhatta, ein von Danny Meyer betriebenes Restaurant ist derzeit geschloßen. Ob und wann es wiedereröffnet wird ist unklar – Foto Manhatta

Wenn man durch New York läuft, kommt es einem oft so vor, als ob in jedem zweiten Gebäude ein Restaurant ist. Das stimmt auch ein bisschen. Wenn man alles zählt – vom 30-Quadratmeter-Minirestaurant, wo man sich ein Stück Pizza zum Mitnehmen holt, bis zum 5-Sterne-Restaurant wie dem Eleven Madison Park, das gerade einen Titel als bestes Restaurant der Welt gewonnen hat, gibt es nach Auskunft des zuständigen Amt, mehr als 20.000 Restaurants, dazu tausende von Kneipen, und einige Clubs. Die Gastronomie ist eine der Branchen, die am meisten unter der Pandemie leidet.

Monatelang war nur Lieferung und Abholung möglich. Seit 22. Juni (Start von Phase 2 der Wiedereröffnung) kann man wieder vor Ort essen und trinken, Gäste können jedoch nur draußen sitzen, drinnen ist noch nicht wieder freigegeben. Wenn man ab Phase 3 wieder in den Innenräume speisen kann, dürfen sie erst einmal nur bis zu 25% der Kapazität gefüllt sein. Viele werden unter diesen Bedingungen nicht überleben können.

Danny Myer, einer der Top-Gastronomen, der einige Restaurant in der gehobeneren Klasse betreibt, sagte in einem Interview mit Bloomberg Business News “Ich bin mir nicht sicher, ob wir unser teureres Restaurant überhaupt wiedereröffnen, bevor es einen Impfstoff gibt. Ich weiß nicht, ob ich Lust habe, ein Restaurant zu betreiben, das zum Großteil leer ist, Gäste Masken tragen müssen, wir vielleicht sogar die Temperatur der Gäste checken müssen und das vielleicht nicht einmal wirtschaftlich betrieben werden kann. Seit Ausbruch der Krise musste ich 80% meiner Leute entlassen.”

Mehr New Yorker essen draußen und die Außenbereiche vieler Restaurants sind voll – Foto Christian Updike

In den warmen Monaten gibt es aber etwas Linderung. Die Stadt hat einiges an neuen Platz auf Bürgersteigen und gesperrten Straßen frei gegeben, damit mehr draußen gegessen werden kann. Viele New Yorker nehmen diese Option an und man sieht diese Bereiche derzeit oft so brechend voll, dass Gouverneur Cuomo diese Woche das oft mangelhafte ‘Social Distancing’ (Abstand halten) dort kritisierte. Auch vor Bars darf man oft Alohol trinken – vor Corona, wegen der strengen Alkohoregulierung, fast unvorstellbar. Clubs sind ganz zu.

6-) Tourismus

Touristen auf dem Empire State Building – Foto Ed Kuepper

Der Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige in New York.

2019 besuchten nach Angaben des New Yorker Fremdenverkehrsamts NYC & Company gut 65 Millionen Menschen die Stadt, circa 13,5 Millionen von ihnen kamen aus dem Ausland – ein neuer Rekord.

Die Gäste gaben über 50 Milliarden Dollar aus. Der gesamte wirtschaftliche Beitrag – wenn man Investitionen wie Hotelneubauten mit einbezieht – liegt nach Berechnungen von NYC & Company bei über 70 Milliarden Dollar. Die Besucher zahlen auch fleißig Steuern. Durch die Sales Tax und die Hotel Tax werden um die 10 Milliarden Dollar eingenommen. 360.000 New Yorker verdienen ihren Lebensunterhalt in der größten Wachstumsbranche der Stadt, so NYC & Company.

Circa ¾  der Menschen, die ihren Lebensunterhalt dem Tourismus zu verdanken haben, wurden seit Ausbruch der Coronapandemie entlassen, errechnete das ‘New York Department of Labor’, das für Arbeitslosenhilfe zuständig ist.

Die durchschnittliche Auslastung der circa 100.000 Hotelzimmer im Jahr 2019 war 90%, im März 2020 lag sie bei 18%! Mittlerweile sind es 44%, weil Zimmer für Einsatzkräfte, Covid-19 Patienten und Obdachlose angemietet wurden.

Die Hotellerie hat seit dem 22. März rund 85% ihres Umsatzes verloren und wird dieses Jahr bestenfalls 50% des Niveaus von 2019 erreichen, so Vijay Dandapani, Präsident und CEO der ‚Hotel Association of New York City‘.

Eine Wiederbelebung der Hotelbranche hängt sehr davon ab, wie viele Gründe Touristen haben, nach New York zu kommen. Wenig in der Stadt zieht Besucher so stark an wie Broadway Shows.

2019 wurden 12 Millionen Broadwaytickets im Wert von über 1 Milliarde Dollar an Besucher verkauft, was zwei Dritteln des Publikums entspricht. Es wird frühestens im Januar wieder Shows geben. Auch für andere Kulturstätten wie Museen, Opern und Ballett sind Besucher eine wichtige Einnahmequelle – das gleiche gilt für Shops und Restaurants, besonders den gehobeneren.

Der Tourismusboom, der jahrelang ohne Unterbrechung anhielt, führte auch zu vielen Investitionen, beispielsweise gibt es neue Aussichtsplattformen, die nun erst einmal brach liegen werden. (Artikel ‘Krieg der Aussichtsplattormen’)

Im Moment herrscht große Verunsicherung in der Branche, die man auch daran erkennen kann, dass die Tourismusbehörde NYC & Company selbst der Hälfte aller Mitarbeiter kündigte. Im Moment gibt es auch noch kein Datum, wann internationale Besucher wieder einreisen können.

7-) Immenser Wegfall von Arbeitsplätzen

Arbeitsloser beantragt Hilfe – Foto Don Abigail

Das alles bedeutet einen gewaltigen Wegfall von Arbeitsplätzen.

Nach Angaben des ‘Department of Labor’ (in etwa Arbeitsamt) hat fast einer von acht New Yorker seit Ausbruch der Coronakrise Antrag auf Arbeitslosenhilfe gestellt.

Laut einer neuen Analyse des ‘Independent Budget Office for the City of New York‘ (IBO), eine Art von der Politik unabhängiger Rechnungshof, wird es vier Jahre dauern, bis sich New York von den Jobverlusten, die durch COVID-19 entstehen, erholt hat.

“Obwohl wir glauben, dass sich der Verlust von Jobs auf den Einzelhandel, Gastronomie und Tourismus konzentrieren wird, denken wir, dass in praktisch allen Wirtschaftszweigen Arbeitsplätze wegfallen werden”, so der Bericht.

Ab 2021 sollte sich der Jobabbau laut der Prognose deutlich verlangsamen. Den Anfang einer wirtschaftlichen Erholung mit wesentlichen Job- und Einkommenszuwächsen erwartet das Institut für 2022. Bis 2024 soll dann wieder ein Beschäftigungsniveau wie vor der Coronakrise erreicht werden. Das IBO warnt jedoch, dass sehr viel von der Entwicklung der Pandemie abhängt.

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