Immobilienwelt

Kaum Angestellten zurück am Schreibtisch, Bürotürme bis zu 90% leer. Was bedeutet das für die Wirtschaft New Yorks?

Die Bürogebäude 3 World Trade Center (links) und 4 World Trade Center – Foto – wtc.com

Über ein Jahr nach Ausbruch von COVID sind nur 10% der Büroangestellten fest an ihre Schreibtische zurückgekehrt. Das ergab eine Studie der ‘Partnership for New York City‘, einem großen Wirtschaftsverband.

Es geht dabei mittlerweile nicht mehr nur um Virusängste. Bei vielen New Yorker Firmen funktionierte das ‘Work-from-Home’ so gut, dass weder Angestellte noch Arbeitgeber zum alten Status quo zurückdrängen.

Bei manchen Unternehmen wie Spotify, die 16 Etagen in 4 World Trade Center einnehmen, dürfen Mitarbeiter mittlerweile von überall arbeiten, selbst in einem anderen Bundesstaat. Auch konservative Firmen wie der Finanzriese JPMorgan, der größte Arbeitgeber der Stadt, planen mit weniger Bürofläche. “Wir sehen die Zukunft in Hybridmodellen, mit Wechsel zwischen Büro und Arbeit von zu Hause. Wir denken, dass wir in nicht allzu ferner Zukunft nur noch 60 Schreibtische pro 100 Angestellten brauchen werden”, so Jamie Dimon, CEO von JPMorgan, in einem Statement für Investoren. Nur eine Minderheit von Unternehmen scheint zum traditionellen Vollzeitbüro zurückkehren zu wollen.

Immer noch ist in den Geschäftsbezirken viel weniger los als vor der Pandemie – Foto Earl Newman

Immobilienbranchenblatt The Real Deal berichtet, dass 17.3% der Bürofläche derzeit auf dem Markt ist, soviel wie seit der Rezwssion vor 30 Jahren nicht mehr. Es gibt aber gravierende Unterschiede zur Situation um 1990 und auch zur Finanzkrise 2008, die wenig Gutes für die Branche ahnen lassen. Der damalige Leerstand hatte rein wirtschaftliche Gründe. Bei ökonomischer Verbesserung würden die Türme sich wieder füllen. Dieses Mal gibt es eine bedeutende strukturelle Komponente und es wird erwartet, dass es eher weiter nach unten geht.

Die verfügbare Fläche wäre um einiges höher, wenn man die dazurechnet, die Firmen gerne loswerden würden. Gewerbliche Mietverträge gehen aber meist über lange Zeit und die Unternehmen müssen auf das Ende ihrer Verpflichtungen warten.

Der Markt ist in drei Klassen unterteilt. Class A ist der hochwertigste, modernste, bestgelegenste Büroraum, Class B und C rangieren niedriger. Experten denken, dass Class A Bürofläche relativ gut positioniert ist, aber Class B und C vor Immobilien vor grossen Problemen stehen.

One Vandebilt, das brandneue und größte Bürogebäude der Stadt, neben der Grand Central Station, ist Class A.

Das kann schwerwiegende Folgen für die Stadt haben.

Etwa die Hälfte der Einnahmen der Stadt, aus denen Dienste wie Schulen oder Müllabfuhr finanziert werden, stammt aus Grundsteuern, von denen circa 5% auf Gewerbeimmobilien entfallen. Auch die Geschäfte, deren Kunden aus Büroangestellten oder Immobilienbesitzern bestehen, leiden. Man muss nur an die zahllosen Restaurants denken, die von den Menschen leben, die mittags aus den Gebäuden strömten. Man könnte die Liste an Betroffenen, für die es weniger Bedarf geben wird lange fortsetzen: Instandhaltungspersonal, Zulieferer, Putzdienste und viele, viele mehr. Auch für die Bauindustrie ist die Boomzeit bei der Errichtung von Bürotürmen erst einmal vorbei.

Interessanterweise sind die großen Technologiefirmen, deren Produkte die ‘Work from Home’ Kultur ja auch mit ermöglicht haben, die einzigen, die derzeit Bürofläche im großen Stil mieten. Facebook sicherte sich alle verfügbare Fläche im James A. Farley Building, dem alten New Yorker Hauptpostamt, von dem Teile derzeit zu hochmodernem Büroraum umgewandelt werden. Der Social Media Riese belegt dann 200.000 qm in der Stadt und auch Google und Apple haben große Pläne in New York.

Facebook mietet 65.000 qm im James A. Farley Building, dem alten Hauptpostamt gegenüber der Penn Station

Bei Wohnraum gibt es mittlerweile wieder einen klaren Aufwärtstrend und der Fachverband ‘Real Estate Board of New York’ hat die Branche angeregt, sich Gedanken zu machen, wie Millionen von Quadratmetern an Class B und C Büroraum über Zeit zu Apartmentgebäuden verwandelt werden könnten.

Befragungen ergeben immer wieder, dass Arbeiten im Büro Vorzüge hat, die Leute daheim vermissen. Man kann sich Ablenkung oft einfacher entziehen, es gibt menschliches Miteinander mit Kollegen, man kann persönlich kollaborieren und oft fällt es leichter, motiviert zu bleiben.

Die Immobilienbranche hofft, dass diese Faktoren wieder mehr zählen werden und es gibt Hoffnung, dass in den Sommermonaten eine spürbare Erholung beginnen könnte. Selbst Optimisten können sich aber in absehbarer Zeit kein Szenario vorstellen, das mit der Situation vor Ausbruch der Pandemie zu vergleichen wäre.

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